60% der Haushalte in Mannheim werden mit Fernwärme versorgt. Dieser Anteil soll bis 2040 weiter auf 75% steigen. Auch Gewerbe und kommunale Gebäude werden zum größten Teil mit Fernwärme beheizt. In der Industrie ist der Anteil der Fernwärme an der Wärmeversorgung geringer, der absolute Fernwärmeverbrauch aber auch sehr hoch.
Die Wärme kam lange Zeit ausschließlich aus dem fossilen GKM. In den letzten Jahren kommt sie teilweise auch aus den Müll- und Altholz-Kraftwerken und zu einem sehr geringen Teil von einer neuen 20 MW-Flusswärmepumpe.
Wie die MVV die Fernwärme dekarbonisieren will
Die MVV hat verkündet, dass die Fernwärme bis 2030 klimaneutral und vom GKM unabhängig wird. Für den neuen Vorstand der MVV scheint der Zeitplan jetzt allerdings wegen „politischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten“ unter Vorbehalt zu stehen. Laut Herrn Clemens ist die Politik „zu langsam“ und hat den „erforderlichen Ordnungs- und Finanzierungsrahmen“ noch nicht geschaffen. (siehe MM vom 12.12.2025).

Welchen Einfluss das auf den Termin 2030 hat, wissen wir nicht. Die Planung an sich soll aber derzeit nicht in Frage stehen. Derzufolge soll die Wärme in Zukunft aus mehreren Quellen kommen:
- In den Müll-und Altholzkraftwerken auf der Friesenheimer Insel soll 2035 knapp die Hälfte der Fernwärme erzeugt werden.
- Aus den Geothermieanlagen der Firmen GeoHardt und Vulcan Energy soll 2035 knapp ein Viertel kommen.
- Der verbleibende Teil soll im Wesentlichen von 2 oder 3 Flusswärmepumpen auf dem GKM-Gelände generiert werden.
- Daneben gibt es zwei gasgefeuerte, sogenannte Besicherungsheizwerke, die als Ersatz bei Ausfall anderer Wärmequellen und zur Abdeckung von Lastspitzen im Winter dienen.
- Geplant ist dazu noch ein ebenfalls gasgefeuerter, sogenannter Nachheizer, der in den Wintermonaten das von den Flusswärmepumpen erwärmte Wasser auf bis zu 130 Grad nacherhitzen soll.
Die Besicherungsheizwerke und der Nachheizer sollen bis 2030 mit Erdgas und danach mit Bio-Methan betrieben werden, allerdings nur „bilanziell“, d.h. verbrannt wird auch nach 2030 hauptsächlich fossiles Erdgas. Zum Ausgleich der dabei entstehenden CO2-Emissionen soll aber an einer anderen Stelle eine entsprechende Menge an Bio-Methan ins Gasnetz eingespeist werden. Für irgendwann in der Zukunft wird die Umstellung auf grünen Wasserstoff in Aussicht gestellt.
Bis 2035 will die MVV „klimapositiv“ werden, indem zuerst das Altholz-Kraftwerk und dann das Müll-Kraftwerk mit einer CCUS-Anlage (Carbon Capture, Utilization and Storage) ausgestattet wird. Dadurch soll das bei der Verbrennung entstehende CO2 aus dem Abgas abgeschieden und entweder in unterirdischen Lagerstätten gespeichert oder an andere Industrien als Rohstoff für die Produktion z.B. von Getränken, Chemikalien oder Baustoffen) abgegeben werden. Da dabei auch biogenes CO2, das vorher von Pflanzen aus der Luft aufgenommen wurde, entsorgt würde (BECCUS=Bioenergy CCUS), meint die MVV damit der Atmosphäre CO2 zu entziehen und dem Klima etwas Gutes zu tun.
Die Fernwärme wird so leider weder klimaneutral noch „klimapositiv“
Generell ist es zu begrüßen, dass die MVV den Vorsatz hat, die Fernwärme bis 2030 klimaneu-tral zu machen. Wir haben allerdings nicht nur am Zeitplan Zweifel, sondern auch daran, dass das Versprechen damit wirklich erfüllt wird.
Das Hauptproblem ist die starke Abhängigkeit von der Müll- und Altholzverbrennung. Das Verbrennen von Müll ist nicht wirklich klimaneutral, weil der Müll fossile Kunststoffe enthält. Das Verbrennen von Holz ist zumindest in dem Zeitraum, in dem sich entscheidet, ob es gelingt, die Klimaerwärmung zu stoppen, auch nicht klimaneutral, weil es Jahrzehnte dauert, bis das CO2 durch nachwachsende Bäume wieder aufgenommen wird. Eine nachhaltige Müll-Strategie sollte die Priorität auf Vermeidung und stoffliche Wiederverwertung setzen
Die geplante BECCUS-Anlage würde die Verbrennung auch nicht nachträglich klimaneu-tral oder gar „klimapositiv“ machen, weil bei dem vorgesehenen Geschäftsmodell mit dem Verkauf von Negativemissionszertifikaten das der Atmosphäre rechnerisch entzogene CO2 ziemlich schnell wieder aufgefüllt würde. Außerdem ist das Verfahren sehr teuer und ökologisch zweifelhaft. (näheres dazu hier)
Die Tiefen-Geothermie kann langfristig sehr kostengünstig klimaneutrale Wärme liefern. Dass dieses Potenzial genutzt werden soll, ist positiv. Die Erschließung ist allerdings zeitlich im Rückstand, und wir haben Zweifel, ob der Rückstand bis 2030 aufgeholt werden kann, zumal beim Genehmigungsverfahren und auch bei den Bohrungen Sicherheitsaspekte Vorrang vor Schnelligkeit haben müssen.
Den Ausbau der Flusswärmepumpen sehen wir ebenfalls positiv. Diese Wärmequelle hat bei der MVV allerdings anscheinend nur zweite Priorität. Hinderlich für die Nutzung der Flusswärme ist die historisch bedingte hohe Vorlauftemperatur des Fernwärmenetzes, die für die Flusswärmepumpen zu hoch sein sollen, wobei die Hinderungsgründe wohl mehr wirtschaftlicher als technischer Art sind. Besser als den Wärmepumpen eine Gasheizung nachzuschalten, wäre es, die Voraussetzungen für eine Absenkung der Vorlauftemperatur zu schaffen (näheres dazu hier).
Auch bei den Besicherungsheizwerken bezweifeln wir, dass die in der aktuellen Dimension notwendig sind. Leistungsreserven für Lastspitzen im Winter und für den Ausfall anderer Wärmequellen könnten auch größere saisonale Wärmespeicher und das Müll-HKW (mit entsprechend dimensionierter Feuerungsleistung) liefern. Der unvermeidliche(!) Restmüll müsste dafür in Schwachlastzeiten zwischengelagert werden.
Das für den Nachheizer und die Besicherung eingeplante Bio-Methan sollte damit auch zum großen Teil entbehrlich sein. Die dafür geplante Nutzung der MVV-eigenen Biogas-Anlagen wäre wenig nachhaltig, weil als Rohstoff hauptsächlich Energie-Mais aus Monokulturen verwendet wird. Die „bilanzielle“ Nutzung zur Umetikettierung von Erdgas, das einige hundert Kilometer entfernt (in Mannheim) verbrannt wird, wäre zudem einladend für verfälschende „Grüngas“-Doppelzählung
