Fast 50% der Fernwärme aus der Verbrennung von Altholz und Müll – auch CO2-Abscheidung macht das nicht klimaneutral.

Fast die Hälfte der Fernwärme-Energie soll ab 2035 aus der Verbrennung von Müll und Altholz (Biomasse) gewonnen werden. Die MVV bezeichnet diesen Anteil als „Abwärme“, weil die Heizkraftwerke eigentlich primär zur Abfall-Entsorgung da sind, und außerdem auch noch Strom erzeugen. Ein geringer Anteil der Energie (aber ein großer Teil der verfügbaren Leistung) soll außerdem aus der Verbrennung von „Biomethan“ kommen, bei dem es sich in Wirklichkeit um Erdgas handelt, das aufgrund einer woanders geplanten Einspeisung von Biomethan ins Gasnetz „bilanziell“ zu Biomethan umetikettiert wird.

Altholz und Müll sind nicht wirklich klimaneutral. Deren hoher Anteil an der Wärme bewirkt Abhängigkeit

Auf den ersten Blick sind das zwar großenteils nicht-fossile Brennstoffe. Wirklich klimaneutral ist diese Verbrennung allerdings nicht, weil Hausmüll Kunststoffe enthält, aus denen bei der Verbrennung fossiles CO2 entsteht, und weil bei der Verbrennung von Holz CO2 frei wird, das nur sehr langfristig von nachwachsenden Bäumen wieder aufgenommen wird. Deshalb sollte von diesen Abfällen eigentlich so viel wie möglich stofflich wiederverwertet werden.

Solange die Verbrennung trotzdem (aus welchen Gründen auch immer) als unvermeidlich gilt, spricht erstmal nichts dagegen, die dabei entstehende Wärme energetisch zu nutzen. Wenn diese Wärme aber mit einem Anteil von 50% zum Standbein der Fernwärmeerzeugung wird, entsteht eine Abhängigkeit von den derzeitigen Mengen an Müll und Altholz, die die eigentlich prioritäre Vermeidung und stoffliche Wiederverwertung von Kunststoffen und Altholz behindert, oder am Ende dazu führt, dass zum Erhalt des für die Fernwärme nötigen Heizwerts, Müll und Altholz aus größeren Entfernungen per LKW herantransportiert werden muss.

Müllverbrennung in Baden-Württemberg

Mannheim ist unter den Städten von Baden-Württemberg die mit der größten Menge an verbranntem Müll und gleichzeitig auch die mit der größten Menge an unsortiertem Rest- und Sperrmüll pro Einwohner*in. Auch wenn der in Mannheim verbrannte Müll nicht ausschließlich aus Mannheim kommt, ist zu befürchten, dass diese „Koinzidenz“ kein reiner Zufall ist.

Rest- und Sperrmüll pro Einwohner in Baden-Württemberg

(BE)CCUS macht die Verbrennung nicht klimaneutral, geschweige denn „klimapositiv“

Die geplante Abscheidung und Entsorgung oder industrielle Weiterverwendung des CO2 (BECCUS= Bioenergy Carbon Capture, Utilization and Storage) macht die Müll- und Altholzverbrennung nicht klimaneutral. Und auch dann, wenn dabei biogenes CO2 mit entsorgt wird, wird sie nicht „klimapositiv“, zumindest dann, wenn die MVV dabei ihr geplantes Finanzierungmodell anwendet. Schon das technische Verfahren erzeugt mehr Probleme als es löst. Das CO2 wird damit nur zu 90% abgeschieden, der Prozess verbraucht viel Energie. Der Transport des CO2 (vorläufig verflüssigt per Zug und Schiff) ist ebenfalls energieintensiv. Die Kapazität der potenziellen Endlagerstätten ist endlich, und die mit der Einlagerung verbundenen ökologischen Risiken sind nicht alle geklärt.

Wenn das CO2, anstatt unterirdisch gespeichert zu werden, an andere industrielle Nutzer weitergeleitet wird, ist unsicher, wie lange es in deren Produkten überhaupt gebunden bleibt. Falls es (wie angedacht) Abnehmer in der Getränkeindustrie gibt, wäre das CO2 spätestens nach dem Öffnen der Getränkeflaschen doch in der Atmosphäre.

Der große Aufwand bewirkt auch, dass das Verfahren sehr teuer ist. Für die Finanzierung fordert die MVV von der Politik die Schaffung eines Markts für „Negativemissionen“. Auf diesem Markt will sie für das abgeschiedene CO2 (zumindest für den biogenen Anteil) Zertifikate verkaufen, die die Käufer berechtigen würden, eine gleichgroße Menge an CO2 zusätzlich zu emittieren. Nach sehr kurzer Zeit wäre dann genauso viel CO2 in der Atmosphäre wie dort auch wäre, wenn es das BECCUS gar nicht gäbe. Die „klimapositive“ Wirkung wäre nur von sehr kurzer Dauer.

Da auch mit dem Verkauf solcher Zertifikate die hohen Kosten des CCS bis auf weiteres nicht zu decken wären, hofft die MVV, dass sie den Fehlbetrag auf Grundlage eines sogenannten Differenzvertrags vorläufig vom Staat erstattet bekommt. Falls dieser Wunsch erfüllt werden sollte, würde Geld aus Steuermitteln oder aus dem „Klima- und Transformationsfonds“ verschwendet, das dann woanders für die Förderung tatsächlicher CO2-Vermeidung fehlt.

Der Plan mag vielleicht eine gute Geschäftsidee sein, wenn die Politik mitspielt. Klimapolitisch ist er eher kontraproduktiv.

Unsere Forderungen zur Müll- und Altholzverbrennung:

  • Die Abhängigkeit von der Müll- und Altholzverbrennung muss verringert werden, indem die Kapazität der anderen Wärmequellen ausgebaut wird.
  • Priorität bei der Entsorgung von Müll- und Altholz müssen die Vermeidung und stoffliche Wiederverwertung haben. Dazu muss die Mülltrennung und Müllsortierung verbessert werden.
  • Soweit Bio-Müll energetisch verwertet wird, sollte daraus Bio-Methan gemacht werden.
  • Verbrannt werden dürfen nur noch unvermeidlicher Restmüll und kontaminiertes Altholz.
  • Überregionale Mülltransporte zur Verbrennung sind zu vermeiden.
  • BECCUS ist teures, klimapolitisch unnützes Greenwashing. Die MVV sollte dieses Projekt einstellen.

Biomethan und Wasserstoff: Der Traum vom grünen Gas

Die Besicherungsheizwerke und der Nachheizer für die Flusswärmepumpen sollen ab 2030 „bilanziell“ mit Bio-Methan betrieben werden und in Zukunft mit grünem (d.h. aus Elektrolyse gewonnenem) Wasserstoff. Auch da sind Nachhaltigkeit und Klimaneutralität zweifelhaft. Das Bio-Methan, das aus MVV-eigenen Biogas-Anlagen kommen soll, wird zum großen Teil aus Energie-Mais erzeugt, und nur zu einem entsprechend geringen Anteil aus landwirtschaftlichen Reststoffen. Der Energie-Mais wiederum stammt aus ökologisch fragwürdigen Monokulturen und belegt landwirtschaftliche Nutzflächen, die eigentlich vorrangig für die Produktion von Nahrungsmitteln da sein sollten.

Das Biomethan soll ab 2030 am Produktionsort ins Erdgasnetz eingespeist werden. Die o.g. gasgefeuerten Kessel würden weiterhin aus dem Erdgasnetz versorgt, d.h. sie würden physisch immer noch weitgehend fossiles Erdgas verbrennen. Wenn dieses Erdgas zu Biomethan umdeklariert wird, besteht die Gefahr, dass es doppelt (für den Produktionsort oder als Beimischung im Erdgas und am Verbrauchsort) als grünes Gas gezählt wird.

Ökologisch unbedenkliches Biomethan (z.B. aus Biomüll) wird knapp und wahrscheinlich auch entsprechend teuer bleiben, so dass es nicht wirtschaftlich sein wird, es für die Energieerzeugung in großen Mengen zu verheizen. Das gleiche gilt auch für grünen Wasserstoff. Für den Nachheizer wäre die Alternative, schnell die Voraussetzungen für eine Absenkung der Vorlauftemperatur zu schaffen (siehe Info #5). Und die Besicherungsheizwerke bräuchten zumindest keine 200 GWh im Jahr zu liefern, wenn man Wärmespeicher mit ausreichender Kapazität anlegen und andere Wärmequellen mit mehr Leistungsreserven ausstatten würde. Es sollte z. B. möglich sein, in der Schwachlastzeit im Sommer, den (unvermeidlichen!) Restmüll temporär zwischenzulagern, um im Winter bei entsprechend dimensionierter Feuerungsleistung zusätzliche Wärme erzeugen zu können.

Unsere Forderungen zur „Grüngas“-Verbrennung:

  • Die Verbrennung von „grünem“ Gas (Bio-Methan und Wasserstoff) muss und kann weitestgehend eingeschränkt werden
  • Bio-Methan sollte nur aus Bio-Abfällen aus der Landwirtschaft und aus Haushalten und nicht aus Energiepflanzen (Glyphosat-Mais) gewonnen werden.
  • Falls Bio-Methan, das woanders erzeugt wird, „bilanziell“ genutzt wird, muss gesichert sein, dass das es nicht auch am Produktionsort als Grüngas gezählt wird.

für die Abdeckung von Spitzenlast im Winter sollten saisonale Wärmespeicher, Müllspeicherung und Leistungsreserven der Flusswärmepumpen genutzt werden.

Stellungnahme zur aktuellen MVV-Planung: Umstellung der Fernwärme bis 2030

Konfrontiert mit einem Zertifikat, das der MVV für 2022 nur 12,5 % erneuerbare Fernwärme bescheinigt, verweisen Aufsichtsratsvorsitzender OB Specht und Vorstandvorsitzender Müller im MM-Interview vom 23.03.2024 auf angeblich 60 % erneuerbare Wärme schon dieses Jahr. Im Jahr 2020 wurde die Müllverbrennung auf der Friesenheimer Insel an die Fernwärme angeschlossen, seitdem behauptet die MVV 30 % der Wärme seien grün. Das amtliche Zertifikat kann nicht mal die Hälfte davon bestätigen. Das wird auch gar nicht bestritten, sondern gleich mit der nächsten ‚grünen‘ Ankündigung beantwortet, an deren Realitätsgehalt aus unserer Sicht begründete Zweifel bestehen.

Wärme aus Holzverbrennung ist nicht klimaneutral

Dieses Jahr will die MVV hauptsächlich die Holzverbrennung auf der Friesenheimer Insel an die Fernwärme anschließen. Es werden 45 MW Wärme bereitgestellt, das sind etwa 15% der insgesamt erforderlichen Fernwärme und könnte die erneuerbare Fernwärme um diesen Prozentsatz erhöhen, wenn nicht Holzverbrennung zum Zwecke der Energie- und Wärmegewinnung sehr kritisch zu sehen wäre. Bei der Holzverbrennung wird  CO2 emittiert, das erst mit dem Nachwachsen des Waldes nach etwa 80 Jahren wieder ausgeglichen wird. Zudem verbrennt die MVV nach letzten Zahlen aus dem Jahr 2022 etwa 50% Hölzer die noch für andere stoffliche Verwertungen verwendet werden könnten. In Deutschland konkurrieren 146 Holzverbrennungsanlagen um die Ressource Altholz, es wird etwa 80 % des Altholzes verbrannt, während es in Italien und Frankreich nur etwa 20% sind. Deutschland importiert Altholz! In der Spanplattenproduktion wird wegen der geringen Altholzverfügbarkeit Frischholz eingesetzt. In dem Zeitraum in dem sich entscheidet, ob die Klimaziele eingehalten werden können ist es mehr als fraglich Wärme aus der Altholzverbrennung als klimaneutral an zu sehen. 

Müll

Seit 2024 ist die Müllverbrennung in den CO2-Zertifikatehandel mit einbezogen. Nur der biogene Anteil stellt grüne Fernwärme bereit (siehe Zertifikat 2022). Die von der MVV angestrebte Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid (CCS) ist sehr energieintensiv und hat unseres Erachtens keine Chance auf Umsetzung bis 2030. CCS sollte nur da zum Einsatz kommen, wo Alternativen wie in der Zement- und chemischen Industrie noch nicht vorhanden sind. Unbedingt erforderlich ist eine Müllvermeidungsstrategie aller gesellschaftlichen Akteure.

Flusswärmepumpen

Seit Herbst 2023 betreibt die MVV eine Flusswärmepumpe mit 20 MW am Standort des GKM und kann damit den Anteil erneuerbarer Wärme geringfügig erhöhen. In modularer Bauweise sind zusätzlich gut 100 MW geplant. Es gibt noch keine genauen Fertigstellungsdaten. Das Fernwärmenetz wird überwiegend als Hochtemperaturnetz mit Vorlauftemperaturen von 130 Grad betrieben. Großwärmepumpen werden diese Temperaturen nicht erreichen und die bereitgestellte Wärme bedarf daher einer Nacherwärmung. Es kommt daher darauf an mit welchem Energieträger diese Nacherwärmung durchgeführt wird. Insofern dabei fossile Quellen genutzt werden, kann auch diese Wärme nicht als 100 % klimaneutral gewertet werden. Auch der Betrieb der Wärmepumpen kann nur dann als klimaneutral angesehen werden, wenn der Strom zu 100 % erneuerbar ist.

Geothermie

Die MVV Tochter GeoHardt plant bis zu drei Geothermie Werke mit jeweils 30 MW an Wärmeleistung die im Jahr 2030 zur Verfügung stehen sollen. Im Mannheimer Norden plant die Firma Vulcan Energy ebenso mehrere geothermische Anlagen zur Gewinnung von Lithium für die Batterieherstellung. Die Wärme aus diesen Anlagen wird für die Fernwärme zur Verfügung stehen.  Diese an sich positiven Planungen sind hinsichtlich des Zeithorizonts 2030 mit einigen Risiken behaftet. So hat sich die Auswertung der 3D Seismik aus der Aufsuchung von Anfang 2023 jetzt schon um etwa ein Jahr verzögert. Fündigkeit ist nicht garantiert, an möglichen Standorten mag es an Akzeptanz mangeln und langwierige politische und juristische Auseinandersetzungen zu bestehen sein. Bei der Umsetzung können technische, kostenintensive Schwierigkeiten auftreten. Für die verschiedenen Ausführungsschritte sind jeweils Genehmigungen einzuholen, die wiederum ihre Zeit benötigen. Und es kann dauern, bis eine Anlage wirklich in Produktion ist. Aus all dem sehen wir ein großes Risiko, dass die geothermischen Anlagen bis 2030 nicht im angedachten Umfang erneuerbare   Fernwärme bereitstellen können.

Spitzenlastheizwerke Rheinau und Friesenheimer Insel

Die beiden Spitzenlastheizwerke sollen mit von der MVV andernorts erzeugtem Biomethan betrieben werden. Wenn die anderen erneuerbaren Anlagen nicht im geplanten Umfang produktiv gehen können und die GKM-Blöcke stillgelegt sind, besteht das Risiko, dass die MVV zusätzlich fossiles Erdgas einsetzen muss. 

Zusammenfassung

Fernwärme aus Biomasse und Müll sind nicht klimaneutral, CCS ist keine Alternative zu klimaneutralen Energieträgern. Auf Flusswärme und Geothermie zu setzen ist prinzipiell gut. Hinsichtlich der späten Hinwendung der MVV auf diese erneuerbaren Energieträger bestehen begründete Zweifel, dass die Ziele bis 2030 erreicht werden können. Es besteht die Gefahr, dass nach 2030 neben der Müll- und Holzverbrennung auch weiterhin fossile Energieträger zur Fernwärmeversorgung in Mannheim beitragen müssen. Die Spitzenlastheizwerke müssten über ihren eigentlichen Zweck hinaus als reguläre Heizwerke mit Gas betrieben werden. Wenn gegen Ende der 20er Jahre absehbar wird, dass die vorhandenen erneuerbaren Energieträger nicht ausreichen, ist zu befürchten, dass ein Weiterlaufen der Steinkohleverbrennung in Neckarau über das Jahr 2030 hinaus als alternativlos dargestellt und durchgesetzt wird.

Zudem besteht eine große Lücke zwischen den Ankündigungen der MVV über den Prozentsatz grüner Wärme zu den tatsächlich erreichten Werten. Für 2022 wird nicht die Hälfte erreicht. Für 2023 liegt kein unabhängiges Zertifikat vor, die MVV verweist auf ein Zertifikat auf Basis von Plandaten (!!), das angeblich 42 % ausweist. In Herbst 2023 wurde nur die Flusswärmepumpe zusätzlich in Betrieb genommen, so dass von einem etwas höherem Anteil erneuerbarer Fernwärme auszugehen ist, der aber weit von den Plandaten entfernt sein dürfte. Ab 2024 wird die Wärme aus der Holzverbrennung genutzt und die beiden Spitzenlastheizwerke stehen zu Verfügung. Selbst wenn man die von MVV selbst zugrunde gelegten Prozentanteile der jeweiligen Energieträger (19 % Müll, 15 % Biomasse, 10 % Besicherung) unter Außerachtlassung der Flusswärmepumpe aufaddiert, werden die angekündigten 60 % nicht erreicht. Unter Berücksichtigung nur des biogenen Anteils aus der Müllverbrennung und nur der Biomasse aus nicht mehr verwendbaren Altholzklassen wird es nochmals deutlich weniger.

Die zögerliche Umsetzung wirklich erneuerbarer Wärmegewinnung, das Schönrechnen grüner Wärme zusammen mit den plakativen Ankündigungen zukünftiger grüner Wärme lassen uns doch sehr daran zweifeln, ob so die für 2030 angestrebten Ziele erreicht werden.

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