Der Plan der MVV wird die Fernwärme nicht klimaneutral machen

60% der Haushalte in Mannheim werden mit Fernwärme versorgt. Dieser Anteil soll bis 2040 weiter auf 75% steigen. Auch Gewerbe und kommunale Gebäude werden zum größten Teil mit Fernwärme beheizt. In der Industrie ist der Anteil der Fernwärme an der Wärmeversorgung geringer, der absolute Fernwärmeverbrauch aber auch sehr hoch.

Die Wärme kam lange Zeit ausschließlich aus dem fossilen GKM. In den letzten Jahren kommt sie teilweise auch aus den Müll- und Altholz-Kraftwerken und zu einem sehr geringen Teil von einer neuen 20 MW-Flusswärmepumpe.

Wie die MVV die Fernwärme dekarbonisieren will

Die MVV hat verkündet, dass die Fernwärme bis 2030 klimaneutral und vom GKM unabhängig wird. Für den neuen Vorstand der MVV scheint der Zeitplan jetzt allerdings wegen „politischer und wirtschaftlicher Unsicherheiten“ unter Vorbehalt zu stehen. Laut Herrn Clemens ist die Politik „zu langsam“ und hat den „erforderlichen Ordnungs- und Finanzierungsrahmen“ noch nicht geschaffen. (siehe MM vom 12.12.2025).

Welchen Einfluss das auf den Termin 2030 hat, wissen wir nicht. Die Planung an sich soll aber derzeit nicht in Frage stehen. Derzufolge soll die Wärme in Zukunft aus mehreren Quellen kommen:

  • In den Müll-und Altholzkraftwerken auf der Friesenheimer Insel soll 2035 knapp die Hälfte der Fernwärme erzeugt werden.
  • Aus den Geothermieanlagen der Firmen GeoHardt und Vulcan Energy soll 2035 knapp ein Viertel kommen.
  • Der verbleibende Teil soll im Wesentlichen von 2 oder 3 Flusswärmepumpen auf dem GKM-Gelände generiert werden.
  • Daneben gibt es zwei gasgefeuerte, sogenannte Besicherungsheizwerke, die als Ersatz bei Ausfall anderer Wärmequellen und zur Abdeckung von Lastspitzen im Winter dienen.
  • Geplant ist dazu noch ein ebenfalls gasgefeuerter, sogenannter Nachheizer, der in den Wintermonaten das von den Flusswärmepumpen erwärmte Wasser auf bis zu 130 Grad nacherhitzen soll.

Die Besicherungsheizwerke und der Nachheizer sollen bis 2030 mit Erdgas und danach mit Bio-Methan betrieben werden, allerdings nur „bilanziell“, d.h. verbrannt wird auch nach 2030 hauptsächlich fossiles Erdgas. Zum Ausgleich der dabei entstehenden CO2-Emissionen soll aber an einer anderen Stelle eine entsprechende Menge an Bio-Methan ins Gasnetz eingespeist werden. Für irgendwann in der Zukunft wird die Umstellung auf grünen Wasserstoff in Aussicht gestellt.

Bis 2035 will die MVV „klimapositiv“ werden, indem zuerst das Altholz-Kraftwerk und dann das Müll-Kraftwerk mit einer CCUS-Anlage (Carbon Capture, Utilization and Storage) ausgestattet wird. Dadurch soll das bei der Verbrennung entstehende CO2 aus dem Abgas abgeschieden und entweder in unterirdischen Lagerstätten gespeichert oder an andere Industrien als Rohstoff für die Produktion z.B. von Getränken, Chemikalien oder Baustoffen) abgegeben werden. Da dabei auch biogenes CO2, das vorher von Pflanzen aus der Luft aufgenommen wurde, entsorgt würde (BECCUS=Bioenergy CCUS), meint die MVV damit der Atmosphäre CO2 zu entziehen und dem Klima etwas Gutes zu tun.

Die Fernwärme wird so leider weder klimaneutral noch „klimapositiv“

Generell ist es zu begrüßen, dass die MVV den Vorsatz hat, die Fernwärme bis 2030 klimaneu-tral zu machen. Wir haben allerdings nicht nur am Zeitplan Zweifel, sondern auch daran, dass das Versprechen damit wirklich erfüllt wird.

Das Hauptproblem ist die starke Abhängigkeit von der Müll- und Altholzverbrennung. Das Verbrennen von Müll ist nicht wirklich klimaneutral, weil der Müll fossile Kunststoffe enthält. Das Verbrennen von Holz ist zumindest in dem Zeitraum, in dem sich entscheidet, ob es gelingt, die Klimaerwärmung zu stoppen, auch nicht klimaneutral, weil es Jahrzehnte dauert, bis das CO2 durch nachwachsende Bäume wieder aufgenommen wird. Eine nachhaltige Müll-Strategie sollte die Priorität auf Vermeidung und stoffliche Wiederverwertung setzen

Die geplante BECCUS-Anlage würde die Verbrennung auch nicht nachträglich klimaneu-tral oder gar „klimapositiv“ machen, weil bei dem vorgesehenen Geschäftsmodell mit dem Verkauf von Negativemissionszertifikaten das der Atmosphäre rechnerisch entzogene CO2 ziemlich schnell wieder aufgefüllt würde. Außerdem ist das Verfahren sehr teuer und ökologisch zweifelhaft. (näheres dazu hier)

Die Tiefen-Geothermie kann langfristig sehr kostengünstig klimaneutrale Wärme liefern. Dass dieses Potenzial genutzt werden soll, ist positiv. Die Erschließung ist allerdings zeitlich im Rückstand, und wir haben Zweifel, ob der Rückstand bis 2030 aufgeholt werden kann, zumal beim Genehmigungsverfahren und auch bei den Bohrungen Sicherheitsaspekte Vorrang vor Schnelligkeit haben müssen.

Den Ausbau der Flusswärmepumpen sehen wir ebenfalls positiv. Diese Wärmequelle hat bei der MVV allerdings anscheinend nur zweite Priorität. Hinderlich für die Nutzung der Flusswärme ist die historisch bedingte hohe Vorlauftemperatur des Fernwärmenetzes, die für die Flusswärmepumpen zu hoch sein sollen, wobei die Hinderungsgründe wohl mehr wirtschaftlicher als technischer Art sind. Besser als den Wärmepumpen eine Gasheizung nachzuschalten, wäre es, die Voraussetzungen für eine Absenkung der Vorlauftemperatur zu schaffen (näheres dazu hier).

Auch bei den Besicherungsheizwerken bezweifeln wir, dass die in der aktuellen Dimension notwendig sind. Leistungsreserven für Lastspitzen im Winter und für den Ausfall anderer Wärmequellen könnten auch größere saisonale Wärmespeicher und das Müll-HKW (mit entsprechend dimensionierter Feuerungsleistung) liefern. Der unvermeidliche(!) Restmüll müsste dafür in Schwachlastzeiten zwischengelagert werden.  

Das für den Nachheizer und die Besicherung eingeplante Bio-Methan sollte damit auch zum großen Teil entbehrlich sein. Die dafür geplante Nutzung der MVV-eigenen Biogas-Anlagen wäre wenig nachhaltig, weil als Rohstoff hauptsächlich Energie-Mais aus Monokulturen verwendet wird. Die „bilanzielle“ Nutzung zur Umetikettierung von Erdgas, das einige hundert Kilometer entfernt (in Mannheim) verbrannt wird, wäre zudem einladend für verfälschende „Grüngas“-Doppelzählung

Fast 50% der Fernwärme aus der Verbrennung von Altholz und Müll – auch CO2-Abscheidung macht das nicht klimaneutral.

Fast die Hälfte der Fernwärme-Energie soll ab 2035 aus der Verbrennung von Müll und Altholz (Biomasse) gewonnen werden. Die MVV bezeichnet diesen Anteil als „Abwärme“, weil die Heizkraftwerke eigentlich primär zur Abfall-Entsorgung da sind, und außerdem auch noch Strom erzeugen. Ein geringer Anteil der Energie (aber ein großer Teil der verfügbaren Leistung) soll außerdem aus der Verbrennung von „Biomethan“ kommen, bei dem es sich in Wirklichkeit um Erdgas handelt, das aufgrund einer woanders geplanten Einspeisung von Biomethan ins Gasnetz „bilanziell“ zu Biomethan umetikettiert wird.

Altholz und Müll sind nicht wirklich klimaneutral. Deren hoher Anteil an der Wärme bewirkt Abhängigkeit

Auf den ersten Blick sind das zwar großenteils nicht-fossile Brennstoffe. Wirklich klimaneutral ist diese Verbrennung allerdings nicht, weil Hausmüll Kunststoffe enthält, aus denen bei der Verbrennung fossiles CO2 entsteht, und weil bei der Verbrennung von Holz CO2 frei wird, das nur sehr langfristig von nachwachsenden Bäumen wieder aufgenommen wird. Deshalb sollte von diesen Abfällen eigentlich so viel wie möglich stofflich wiederverwertet werden.

Solange die Verbrennung trotzdem (aus welchen Gründen auch immer) als unvermeidlich gilt, spricht erstmal nichts dagegen, die dabei entstehende Wärme energetisch zu nutzen. Wenn diese Wärme aber mit einem Anteil von 50% zum Standbein der Fernwärmeerzeugung wird, entsteht eine Abhängigkeit von den derzeitigen Mengen an Müll und Altholz, die die eigentlich prioritäre Vermeidung und stoffliche Wiederverwertung von Kunststoffen und Altholz behindert, oder am Ende dazu führt, dass zum Erhalt des für die Fernwärme nötigen Heizwerts, Müll und Altholz aus größeren Entfernungen per LKW herantransportiert werden muss.

Müllverbrennung in Baden-Württemberg

Mannheim ist unter den Städten von Baden-Württemberg die mit der größten Menge an verbranntem Müll und gleichzeitig auch die mit der größten Menge an unsortiertem Rest- und Sperrmüll pro Einwohner*in. Auch wenn der in Mannheim verbrannte Müll nicht ausschließlich aus Mannheim kommt, ist zu befürchten, dass diese „Koinzidenz“ kein reiner Zufall ist.

Rest- und Sperrmüll pro Einwohner in Baden-Württemberg

(BE)CCUS macht die Verbrennung nicht klimaneutral, geschweige denn „klimapositiv“

Die geplante Abscheidung und Entsorgung oder industrielle Weiterverwendung des CO2 (BECCUS= Bioenergy Carbon Capture, Utilization and Storage) macht die Müll- und Altholzverbrennung nicht klimaneutral. Und auch dann, wenn dabei biogenes CO2 mit entsorgt wird, wird sie nicht „klimapositiv“, zumindest dann, wenn die MVV dabei ihr geplantes Finanzierungmodell anwendet. Schon das technische Verfahren erzeugt mehr Probleme als es löst. Das CO2 wird damit nur zu 90% abgeschieden, der Prozess verbraucht viel Energie. Der Transport des CO2 (vorläufig verflüssigt per Zug und Schiff) ist ebenfalls energieintensiv. Die Kapazität der potenziellen Endlagerstätten ist endlich, und die mit der Einlagerung verbundenen ökologischen Risiken sind nicht alle geklärt.

Wenn das CO2, anstatt unterirdisch gespeichert zu werden, an andere industrielle Nutzer weitergeleitet wird, ist unsicher, wie lange es in deren Produkten überhaupt gebunden bleibt. Falls es (wie angedacht) Abnehmer in der Getränkeindustrie gibt, wäre das CO2 spätestens nach dem Öffnen der Getränkeflaschen doch in der Atmosphäre.

Der große Aufwand bewirkt auch, dass das Verfahren sehr teuer ist. Für die Finanzierung fordert die MVV von der Politik die Schaffung eines Markts für „Negativemissionen“. Auf diesem Markt will sie für das abgeschiedene CO2 (zumindest für den biogenen Anteil) Zertifikate verkaufen, die die Käufer berechtigen würden, eine gleichgroße Menge an CO2 zusätzlich zu emittieren. Nach sehr kurzer Zeit wäre dann genauso viel CO2 in der Atmosphäre wie dort auch wäre, wenn es das BECCUS gar nicht gäbe. Die „klimapositive“ Wirkung wäre nur von sehr kurzer Dauer.

Da auch mit dem Verkauf solcher Zertifikate die hohen Kosten des CCS bis auf weiteres nicht zu decken wären, hofft die MVV, dass sie den Fehlbetrag auf Grundlage eines sogenannten Differenzvertrags vorläufig vom Staat erstattet bekommt. Falls dieser Wunsch erfüllt werden sollte, würde Geld aus Steuermitteln oder aus dem „Klima- und Transformationsfonds“ verschwendet, das dann woanders für die Förderung tatsächlicher CO2-Vermeidung fehlt.

Der Plan mag vielleicht eine gute Geschäftsidee sein, wenn die Politik mitspielt. Klimapolitisch ist er eher kontraproduktiv.

Unsere Forderungen zur Müll- und Altholzverbrennung:

  • Die Abhängigkeit von der Müll- und Altholzverbrennung muss verringert werden, indem die Kapazität der anderen Wärmequellen ausgebaut wird.
  • Priorität bei der Entsorgung von Müll- und Altholz müssen die Vermeidung und stoffliche Wiederverwertung haben. Dazu muss die Mülltrennung und Müllsortierung verbessert werden.
  • Soweit Bio-Müll energetisch verwertet wird, sollte daraus Bio-Methan gemacht werden.
  • Verbrannt werden dürfen nur noch unvermeidlicher Restmüll und kontaminiertes Altholz.
  • Überregionale Mülltransporte zur Verbrennung sind zu vermeiden.
  • BECCUS ist teures, klimapolitisch unnützes Greenwashing. Die MVV sollte dieses Projekt einstellen.

Biomethan und Wasserstoff: Der Traum vom grünen Gas

Die Besicherungsheizwerke und der Nachheizer für die Flusswärmepumpen sollen ab 2030 „bilanziell“ mit Bio-Methan betrieben werden und in Zukunft mit grünem (d.h. aus Elektrolyse gewonnenem) Wasserstoff. Auch da sind Nachhaltigkeit und Klimaneutralität zweifelhaft. Das Bio-Methan, das aus MVV-eigenen Biogas-Anlagen kommen soll, wird zum großen Teil aus Energie-Mais erzeugt, und nur zu einem entsprechend geringen Anteil aus landwirtschaftlichen Reststoffen. Der Energie-Mais wiederum stammt aus ökologisch fragwürdigen Monokulturen und belegt landwirtschaftliche Nutzflächen, die eigentlich vorrangig für die Produktion von Nahrungsmitteln da sein sollten.

Das Biomethan soll ab 2030 am Produktionsort ins Erdgasnetz eingespeist werden. Die o.g. gasgefeuerten Kessel würden weiterhin aus dem Erdgasnetz versorgt, d.h. sie würden physisch immer noch weitgehend fossiles Erdgas verbrennen. Wenn dieses Erdgas zu Biomethan umdeklariert wird, besteht die Gefahr, dass es doppelt (für den Produktionsort oder als Beimischung im Erdgas und am Verbrauchsort) als grünes Gas gezählt wird.

Ökologisch unbedenkliches Biomethan (z.B. aus Biomüll) wird knapp und wahrscheinlich auch entsprechend teuer bleiben, so dass es nicht wirtschaftlich sein wird, es für die Energieerzeugung in großen Mengen zu verheizen. Das gleiche gilt auch für grünen Wasserstoff. Für den Nachheizer wäre die Alternative, schnell die Voraussetzungen für eine Absenkung der Vorlauftemperatur zu schaffen (siehe Info #5). Und die Besicherungsheizwerke bräuchten zumindest keine 200 GWh im Jahr zu liefern, wenn man Wärmespeicher mit ausreichender Kapazität anlegen und andere Wärmequellen mit mehr Leistungsreserven ausstatten würde. Es sollte z. B. möglich sein, in der Schwachlastzeit im Sommer, den (unvermeidlichen!) Restmüll temporär zwischenzulagern, um im Winter bei entsprechend dimensionierter Feuerungsleistung zusätzliche Wärme erzeugen zu können.

Unsere Forderungen zur „Grüngas“-Verbrennung:

  • Die Verbrennung von „grünem“ Gas (Bio-Methan und Wasserstoff) muss und kann weitestgehend eingeschränkt werden
  • Bio-Methan sollte nur aus Bio-Abfällen aus der Landwirtschaft und aus Haushalten und nicht aus Energiepflanzen (Glyphosat-Mais) gewonnen werden.
  • Falls Bio-Methan, das woanders erzeugt wird, „bilanziell“ genutzt wird, muss gesichert sein, dass das es nicht auch am Produktionsort als Grüngas gezählt wird.

für die Abdeckung von Spitzenlast im Winter sollten saisonale Wärmespeicher, Müllspeicherung und Leistungsreserven der Flusswärmepumpen genutzt werden.

Geothermie und Flusswärme: Aussichtsreichste Kandidaten für eine klimaneutrale Fernwärme

Nach der Planung der MVV soll längerfristig knapp ein Viertel der Fernwärme aus Tiefengeothermie und etwas mehr als ein Fünftel aus Flusswärme gewonnen werden. Von allen bisher für die Dekarbonisierung der Fernwärme geplanten Energiequellen sind das die, die das größte Potenzial für einen klimaneutralen Betrieb haben, zumindest dann, wenn sie (das gilt besonders für die Flusswärmepumpen) mit erneuerbarem Strom betrieben werden. Es gibt allerdings auch da Stolpersteine.

Tiefengeothermie: Transparenz und Sicherheit, aber auch Beschleunigung notwendig

Bei der Tiefengeothermie ist auf jeden Fall positiv, dass die Erschließung jetzt konkreter wird. Nach allem, was wir wissen, ist das hydrothermale Verfahren zur Nutzung dieser Wärme generell beherrschbar und erdbebensicher, zumindest dann, wenn man Fehler, die in der Vergangenheit gemacht wurden, vermeidet. Die Geothermie-Vorkommen im Oberrheingraben haben das Potenzial für eine langfristig sehr kostengünstige Versorgung mit erneuerbarer Wärme. Der Preis dafür sind hohe Anfangsinvestitionen und ein gewisses Risiko, dass an den Bohrstellen trotz der umfangreichen Voruntersuchungen kein oder nicht genügend heißes Thermalwasser gefunden wird. Die

„Aufsuchung“ ist gegenüber dem ursprünglichen Zeitplan erheblich im Rückstand. Die Firma GeoHardt hat kürzlich den geplanten Standort ihrer ersten Bohrung (auf der Rheinau) bekanntgegeben, und die Firma Vulcan Energy will in Kürze auch ihren ersten Standort nennen. Eigentlich hätte das alles schon vor zwei Jahren passieren sollen. Die Betreiber halten eine Inbetriebnahme bis 2030 zwar noch für realistisch. Aufgrund der Unwägbarkeiten der Genehmigungsverfahren und des Fündigkeitsrisikos erscheint das allerdings sehr optimistisch.

Unsere Forderungen zur Geothermie:

  • Zur Vertrauensbildung in der Bevölkerung müssen alle Planungen offengelegt werden, es muss ein verlässlicher Haftpflichtversicherungsschutzbestehen, und es sollte eine unabhängige seismische Überwachung während der Bohrungen und während des Betriebs der Anlagen geben.
  • Mit der aus Sicherheitsgründen gebotenen Sorgfalt sollten aber ansonsten die Genehmigungsverfahren und die technische Erschließung jetzt so schnell wie möglich durchgeführt werden.

Flusswärmepumpen: Niedrigere-Vorlauftemperatur besser als fossile Nachheizung

Positiv ist auch die geplante und in kleinem Maßstab schon begonnene Nutzung der Flusswärme. Auf dem Gelände des GKM ist schon eine 20 MW-Flusswärmepumpe in Betrieb, und eine zweite mit einer thermischen Leistung von 165 MW wurde in Auftrag gegeben. Eventuell soll noch eine Dritte dazukommen, falls die Geothermie nicht rechtzeitig zur Verfügung steht. Der Rhein bietet ein großes nutzbares Potenzial an Flusswärme, und Großwärmepumpen sind erprobte Technik. Für die MVV scheint die Flusswärme allerdings nicht die erste Wahl zu sein. Offenbar werden Altholz- und Müllverbrennung und auch die Geothermie für kostengünstiger gehalten.

Erschwert wird die Nutzung zurzeit durch die geforderte hohe Vorlauftemperatur des Fernwärmnetzes. Nach Meinung der MVV muss die im Winter zeitweise bis zu 130 Grad betragen, damit die benötigte Wärmemenge transportiert werden kann, und damit auch energieineffiziente Häuser warm werden. Die jetzt bestellte 165 MW Flusswärmepumpen soll laut einer Pressemitteilung von MVV und STRABAG auch durchaus 130 Grad liefern können. Trotzdem plant die MVV zusätzlich eine Gas-Nachheizung, die vorerst mit fossilem Erdgas und später „bilanziell“ mit Bio-Methan betrieben werden soll. Die Gründe dafür scheinen mehr betriebswirtschaftlich als technisch zu sein. Aber selbst, wenn es einen plausiblen Grund geben sollte, wäre es wohl weniger ein Problem der Wärmepumpen, sondern mehr ein historisch bedingtes Problem des Netzes und vielleicht einiger Gebäude, das aus mehreren Gründen am besten durch Änderungen im Netz- und (soweit überhaupt mötig) bei den Verbrauchern gelöst würde (näheres dazu weiter unten).

Unsere Forderungen zur Flusswärme:

  • Im Fernwärmenetz muss so bald wie möglich die hohe Vorlauftemperatur gesenkt werden, damit die Nachheizung mit fossilem Gas unnötig wird.
  • Wenn die Wärme wirklich klimaneutral werden soll, darf für den Betrieb der Flusswärmepumpen nur Strom aus erneuerbarer Energie genutzt werden.
  • für den Fall einer verspäteten Inbetriebnahme der Geothermie-Anlagen sollte die dritte Flusswärmepumpe rechtzeitig in Auftrag gegeben werden.

Der Nachheizer ist überdimensioniert, niedrigere Netztemperatur hätte viele Vorteile

In dem Diagramm oben sieht man, dass die Vorlauftemperatur des MVV-Fernwärmenetzes (rote Kurve mit der Temperaturskala auf der rechten Seite) im Jahr 2019 nur an wenigen Tagen höher als 110 Grad war. Auch wenn die MVV die Flusswärmepumpen schon ab 100 Grad für unwirtschaftlich hält, ist nicht wirklich einzusehen, warum sie für eine so geringe und nur temporäre Temperaturanhebung meint, mit einem fossilen 160 MW-Dampfkessel 340 Grad heißen Dampf erzeugen zu müssen. Wenn man stattdessen auf der Netz- und Verbraucherseite die Voraussetzungen schaffen würde, um mit 100 Grad auszukommen, hätte das auch andere Vorteile: Die Netzverluste und die thermischen Isolationsanforderungen wären geringer und die Nutzung von Abwärme wäre einfacher.

Häuser, die wegen schlechter Energieeffizienz eine sehr hohe Vorlauftemperatur brauchen, müssten besser gedämmt werden, und die Wärmetransportkapazität im Netz könnte durch Absenkung der Rücklauftemperatur und notfalls durch Vergrößerung der Leitungskapazität erhöht werden. Soweit auch das Temperaturgefälle im Netz eine Rolle spielt, sollte sich das Problem durch die tendenziell steigende Anzahl von dezentral verteilten Wärmequellen automatisch entschärfen. Hexenwerk kann das alles nicht sein. Das Fernwärmenetz der Stadtwerke Heidelberg hat z.B. nur maximal 95 Grad.

Stellungnahme zur aktuellen MVV-Planung: Umstellung der Fernwärme bis 2030

Konfrontiert mit einem Zertifikat, das der MVV für 2022 nur 12,5 % erneuerbare Fernwärme bescheinigt, verweisen Aufsichtsratsvorsitzender OB Specht und Vorstandvorsitzender Müller im MM-Interview vom 23.03.2024 auf angeblich 60 % erneuerbare Wärme schon dieses Jahr. Im Jahr 2020 wurde die Müllverbrennung auf der Friesenheimer Insel an die Fernwärme angeschlossen, seitdem behauptet die MVV 30 % der Wärme seien grün. Das amtliche Zertifikat kann nicht mal die Hälfte davon bestätigen. Das wird auch gar nicht bestritten, sondern gleich mit der nächsten ‚grünen‘ Ankündigung beantwortet, an deren Realitätsgehalt aus unserer Sicht begründete Zweifel bestehen.

Wärme aus Holzverbrennung ist nicht klimaneutral

Dieses Jahr will die MVV hauptsächlich die Holzverbrennung auf der Friesenheimer Insel an die Fernwärme anschließen. Es werden 45 MW Wärme bereitgestellt, das sind etwa 15% der insgesamt erforderlichen Fernwärme und könnte die erneuerbare Fernwärme um diesen Prozentsatz erhöhen, wenn nicht Holzverbrennung zum Zwecke der Energie- und Wärmegewinnung sehr kritisch zu sehen wäre. Bei der Holzverbrennung wird  CO2 emittiert, das erst mit dem Nachwachsen des Waldes nach etwa 80 Jahren wieder ausgeglichen wird. Zudem verbrennt die MVV nach letzten Zahlen aus dem Jahr 2022 etwa 50% Hölzer die noch für andere stoffliche Verwertungen verwendet werden könnten. In Deutschland konkurrieren 146 Holzverbrennungsanlagen um die Ressource Altholz, es wird etwa 80 % des Altholzes verbrannt, während es in Italien und Frankreich nur etwa 20% sind. Deutschland importiert Altholz! In der Spanplattenproduktion wird wegen der geringen Altholzverfügbarkeit Frischholz eingesetzt. In dem Zeitraum in dem sich entscheidet, ob die Klimaziele eingehalten werden können ist es mehr als fraglich Wärme aus der Altholzverbrennung als klimaneutral an zu sehen. 

Müll

Seit 2024 ist die Müllverbrennung in den CO2-Zertifikatehandel mit einbezogen. Nur der biogene Anteil stellt grüne Fernwärme bereit (siehe Zertifikat 2022). Die von der MVV angestrebte Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid (CCS) ist sehr energieintensiv und hat unseres Erachtens keine Chance auf Umsetzung bis 2030. CCS sollte nur da zum Einsatz kommen, wo Alternativen wie in der Zement- und chemischen Industrie noch nicht vorhanden sind. Unbedingt erforderlich ist eine Müllvermeidungsstrategie aller gesellschaftlichen Akteure.

Flusswärmepumpen

Seit Herbst 2023 betreibt die MVV eine Flusswärmepumpe mit 20 MW am Standort des GKM und kann damit den Anteil erneuerbarer Wärme geringfügig erhöhen. In modularer Bauweise sind zusätzlich gut 100 MW geplant. Es gibt noch keine genauen Fertigstellungsdaten. Das Fernwärmenetz wird überwiegend als Hochtemperaturnetz mit Vorlauftemperaturen von 130 Grad betrieben. Großwärmepumpen werden diese Temperaturen nicht erreichen und die bereitgestellte Wärme bedarf daher einer Nacherwärmung. Es kommt daher darauf an mit welchem Energieträger diese Nacherwärmung durchgeführt wird. Insofern dabei fossile Quellen genutzt werden, kann auch diese Wärme nicht als 100 % klimaneutral gewertet werden. Auch der Betrieb der Wärmepumpen kann nur dann als klimaneutral angesehen werden, wenn der Strom zu 100 % erneuerbar ist.

Geothermie

Die MVV Tochter GeoHardt plant bis zu drei Geothermie Werke mit jeweils 30 MW an Wärmeleistung die im Jahr 2030 zur Verfügung stehen sollen. Im Mannheimer Norden plant die Firma Vulcan Energy ebenso mehrere geothermische Anlagen zur Gewinnung von Lithium für die Batterieherstellung. Die Wärme aus diesen Anlagen wird für die Fernwärme zur Verfügung stehen.  Diese an sich positiven Planungen sind hinsichtlich des Zeithorizonts 2030 mit einigen Risiken behaftet. So hat sich die Auswertung der 3D Seismik aus der Aufsuchung von Anfang 2023 jetzt schon um etwa ein Jahr verzögert. Fündigkeit ist nicht garantiert, an möglichen Standorten mag es an Akzeptanz mangeln und langwierige politische und juristische Auseinandersetzungen zu bestehen sein. Bei der Umsetzung können technische, kostenintensive Schwierigkeiten auftreten. Für die verschiedenen Ausführungsschritte sind jeweils Genehmigungen einzuholen, die wiederum ihre Zeit benötigen. Und es kann dauern, bis eine Anlage wirklich in Produktion ist. Aus all dem sehen wir ein großes Risiko, dass die geothermischen Anlagen bis 2030 nicht im angedachten Umfang erneuerbare   Fernwärme bereitstellen können.

Spitzenlastheizwerke Rheinau und Friesenheimer Insel

Die beiden Spitzenlastheizwerke sollen mit von der MVV andernorts erzeugtem Biomethan betrieben werden. Wenn die anderen erneuerbaren Anlagen nicht im geplanten Umfang produktiv gehen können und die GKM-Blöcke stillgelegt sind, besteht das Risiko, dass die MVV zusätzlich fossiles Erdgas einsetzen muss. 

Zusammenfassung

Fernwärme aus Biomasse und Müll sind nicht klimaneutral, CCS ist keine Alternative zu klimaneutralen Energieträgern. Auf Flusswärme und Geothermie zu setzen ist prinzipiell gut. Hinsichtlich der späten Hinwendung der MVV auf diese erneuerbaren Energieträger bestehen begründete Zweifel, dass die Ziele bis 2030 erreicht werden können. Es besteht die Gefahr, dass nach 2030 neben der Müll- und Holzverbrennung auch weiterhin fossile Energieträger zur Fernwärmeversorgung in Mannheim beitragen müssen. Die Spitzenlastheizwerke müssten über ihren eigentlichen Zweck hinaus als reguläre Heizwerke mit Gas betrieben werden. Wenn gegen Ende der 20er Jahre absehbar wird, dass die vorhandenen erneuerbaren Energieträger nicht ausreichen, ist zu befürchten, dass ein Weiterlaufen der Steinkohleverbrennung in Neckarau über das Jahr 2030 hinaus als alternativlos dargestellt und durchgesetzt wird.

Zudem besteht eine große Lücke zwischen den Ankündigungen der MVV über den Prozentsatz grüner Wärme zu den tatsächlich erreichten Werten. Für 2022 wird nicht die Hälfte erreicht. Für 2023 liegt kein unabhängiges Zertifikat vor, die MVV verweist auf ein Zertifikat auf Basis von Plandaten (!!), das angeblich 42 % ausweist. In Herbst 2023 wurde nur die Flusswärmepumpe zusätzlich in Betrieb genommen, so dass von einem etwas höherem Anteil erneuerbarer Fernwärme auszugehen ist, der aber weit von den Plandaten entfernt sein dürfte. Ab 2024 wird die Wärme aus der Holzverbrennung genutzt und die beiden Spitzenlastheizwerke stehen zu Verfügung. Selbst wenn man die von MVV selbst zugrunde gelegten Prozentanteile der jeweiligen Energieträger (19 % Müll, 15 % Biomasse, 10 % Besicherung) unter Außerachtlassung der Flusswärmepumpe aufaddiert, werden die angekündigten 60 % nicht erreicht. Unter Berücksichtigung nur des biogenen Anteils aus der Müllverbrennung und nur der Biomasse aus nicht mehr verwendbaren Altholzklassen wird es nochmals deutlich weniger.

Die zögerliche Umsetzung wirklich erneuerbarer Wärmegewinnung, das Schönrechnen grüner Wärme zusammen mit den plakativen Ankündigungen zukünftiger grüner Wärme lassen uns doch sehr daran zweifeln, ob so die für 2030 angestrebten Ziele erreicht werden.

Kommentar zum Klimaschutzaktionsplan


Ein wirklicher Transformationsplan sieht anders aus

Seit November 2022 hat Mannheim einen Klimaschutzaktionsplan (KSAP). Er soll als Leitfaden für die Maßnahmen dienen, durch die Mannheim bis 2030 klimaneutral werden soll. Das Anstreben dieses Ziels ist Voraussetzung für die Beteiligung der Stadt an dem EU-Programm „100 Climate Neutral and Smart Cities“. Der Klimaschutzaktionsplan ist in einem längeren Prozess entstanden, an dessen Anfang das Versprechen einer umfassenden Bürgerbeteiligung stand, ein Anspruch, der in der Realität leider kaum eingelöst wurde. Die zu insgesamt acht Handlungsfeldern gebildeten Strategiegruppen, an den Vertreter:innen gesellschaftlicher Gruppen (u.a. auch von Klima- und Umweltorganisationen) beteiligt waren, und in denen die inhaltliche Diskussion über die Maßnahmen stattfinden sollte, haben sich nur wenige Male getroffen. Die eigentliche inhaltliche Arbeit wurde von dem von der Stadt beauftragten Wuppertal-Institut geleistet. Von Anfang an gab es Uneinigkeit über die Zielsetzung und das Vorgehen, z. B. ob es nur um das Erreichen von Klimaneutralität zu einem definierten Zeitpunkt gehen sollte oder auch um die Einhaltung des für Mannheim bei Begrenzung der globalen Erwärmung auf 1,5 Grad rechnerisch verbleibenden Emissions-Restbudgets von 16,2 Millionen Tonnen CO2, und wie konkret der Transformationspfad festgelegt werden soll.

Die Maßnahmenbeschreibungen müssten angesichts der knappen Zeit konkreter sein

Das Ergebnis hat dementsprechend Licht- und Schattenseiten. Beschrieben werden insgesamt 81 Maßnahmen aus 8 Handlungsfeldern. Es sind gute Ideen dabei, deren Umsetzung den Klimaschutz in Mannheim auf jeden Fall voranbringen würden. Einige der Maßnahmen sind detaillierter beschrieben. Ein großer Teil sieht allerdings mehr aus wie das Ergebnis eines Brainstormings und noch nicht wie eine umsetzbare Planung. Der vielfach nur geringe Konkretisierungsgrad passt schlecht zu der (für einen großen Teil der Transformation) nur noch kurzen verbleibenden Umsetzungszeit.

Z. B. ist es sicher positiv, wenn geplant ist, die Fernwärme durch Erschließung der Potenziale an Flusswärme, Biomasse, Geothermie, industrieller Abwärme und Solarthermie zu dekarbonisieren. Zu diesem Thema war schon viel Vorarbeit geleistet worden. Es gibt z.B. die „Potenzialstudie Klimafreundliche Fernwärme ohne GKM 2030“ von BUND und Fraunhofer IEE und auch die „Energierahmenstudie“ des Wuppertal-instituts für die MVV (was immer man von deren Inhalt hält). Insofern sollte jetzt eigentlich schon konkreter darstellbar sein, von welchem Energieträger bis wann welcher Beitrag zur Fernwärme kommen soll, und wann die Kohleverbrennung im GKM beendet werden kann. Solche Konkretisierungen sucht man im KSAP allerdings vergeblich (das Ende der Kohleverbrennung wird nur als Randbedingung aufgeführt). Schwer zu verstehen ist, dass die Müllverbrennung, die aktuell schon als Energiequelle für die Fernwärme genutzt wird und leider auch fossiles CO2 emittiert, nicht mal erwähnt wird. Notwendig und begrüßenswert ist die geplante Offensive für energetische Gebäudesanierung zur Reduzierung des Heizenergiebedarfs, wobei da nicht wirklich klar wird, wie 4 % Sanierungen pro Jahr bei der begrenzten Handwerkskapazität und anderen bestehenden Hindernissen (Denkmalschutz, Erhaltungssatzungen, Finanzierungsprobleme) erreicht werden sollen.

Positiv ist das Vorhaben, in der Industrie die Energieeffizienz zu verbessern, zu „kohlenstoff-freien oder -armen Energieträgern“ zu wechseln, Abwärme zu nutzen und Prinzipien der Kreislaufwirtschaft mit besserer Wiederverwendung von Rohstoffen einzuführen. Allerdings scheinen auch diese Überlegungen bisher noch wenig konkret zu sein, was angesichts des Stellenwerts dieses Sektors – er ist immerhin für fast die Hälfte des Energieverbrauchs und der CO2-Emissionen von Mannheim verantwortlich – und der kurzen Zeit bis 2030 Zweifel weckt, welchen Beitrag die Industrie bis dahin wirklich leisten wird. Die energieintensiven Prozesse der größeren Betriebe sollten eigentlich bekannt sein (z.B. in der Papierindustrie).

Unterstützenswert ist die Absicht, den klimaschädlichen Autoverkehr durch Verkehrsvermeidung und -Verlagerung auf ÖPNV, Rad- und Fußverkehr zu reduzieren, und nicht nur auf die „Antriebswende“ zu hoffen.

Schließlich ist auch gut und notwendig, dass Maßnahmen zur Klimaanpassung genannt werden, z. B. Flächenentsiegelung, Gebäudebegrünung, und Schwammstadt-Konzept. Hitzewellen und Extremwetterlagen nehmen allgemein zu, so dass die Klimaanpassung dringlicher wird. Dabei sollte aber klar sein, dass diese Maßnahmen kaum zur CO2-Reduzierung beitragen und auf keinen Fall Ersatz für wirksamen Klimaschutz sein können.

Ungesicherte „Rahmenbedingungen“ und unklare Verantwortlichkeit

Für die einzelnen Maßnahmen werden jeweils Rahmenbedingungen, Zeithorizont, Beitrag zur Klimaneutralität, finanzieller Aufwand, mögliche Synergien und Zielkonflikte und Zuständigkeiten für die Umsetzung genannt.

Unter „Rahmenbedingungen“ steht, welche rechtlichen und finanziellen Voraussetzungen auf EU-, Bundes- und Landesebene vorher geschaffen werden müssen, damit die jeweilige Maßnahme durchführbar und wirksam wird. Es ist unbestreitbar, dass Mannheim keine Insel ist, weder geografisch noch politisch oder energetisch. Die Möglichkeiten, mit den Mitteln und ordnungsrechtlichen Kompetenzen einer Kommune innerhalb eines noch fossilen Umlands lokal Klimaneutralität zu erreichen, sind begrenzt. Die Unterstützung der übergeordneten Ebenen ist von daher tatsächlich nicht unwesentlich. Stellenweise werden unter den geforderten Rahmenbedingungen allerdings auch weltpolitische Risiken und andere schwer beeinflussbare Punkte aufgezählt, wodurch der Eindruck entsteht, dass da schon vorsorglich Hinderungsgründe gesucht werden, auf die später die Schuld für das Verfehlen der Ziele geschoben werden kann.

Unter „Zuständigkeit“ für die Umsetzung der Maßnahmen werden unterschiedliche Fachbereiche der Stadtverwaltung, die Klimaschutzagentur und andere Akteure (von Unternehmen bis zur gesamten „Stadtgesellschaft“) genannt. Die Zuständigkeiten in der Stadtverwaltung sind sehr breit gestreut, was das Risiko birgt, dass sich dort am Ende niemand wirklich verantwortlich fühlt. Die personellen Ressourcen dort werden (trotz Aufstockung bei der Klimaschutzagentur) auch nicht unbegrenzt sein. Was die anderen Akteure betrifft, die die weitaus meisten Emissionen verursachen, hat die Stadt nur eingeschränkte rechtliche und finanzielle Möglichkeiten, deren Verhalten zu beeinflussen, so dass deren Beiträge zur Umsetzung auch nicht als gesichert betrachtet werden können. Verbindliche Vereinbarungen mit den relevanten Akteuren (MVV, RNV, Industriebetriebe), die dafür eigentlich notwendig wären, sind uns bislang nichts bekannt.

Klimaneutralität auch bei vollständiger Umsetzung des Plans nicht gesichert

Auch wenn alle Maßnahmen umgesetzt werden, ist nicht gesichert, dass damit Klimaneutralität erreicht wird. Als Ausgangsbasis für die Emissionsreduzierung wird im KSAP die Mannheimer Emissionsbilanz von 2018 des IFEU-Instituts verwendet. Danach wurden in Mannheim 2018 3,1 Millionen Tonnen CO2 emittiert, davon 48,8 % durch die Industrie, 22,5 % von den Haushalten und 22,4 % durch den Verkehr.

aus IFEU Emissionsbilanz Mannheim 2018

Nur für 27 der 81 Maßnahmen werden Abschätzungen für erzielbare Emissionseinsparungen angegeben. Die Berechnung dieser Zahlen ist nicht nachvollziehbar. Auch bei Maßnahmen, die bislang nur sehr grob umrissen sind, gibt es zum Teil erstaunlich hochauflösende (und damit Genauigkeit suggerierende) Angaben zur Emissionsreduzierung. Z.B. soll die Mannheimer Industrie durch die oben genannten Maßnahmen zur Energieeinsparung und zur Nutzung erneuerbarer Energie genau 319.900 t CO2 im Jahr vermeiden.[i] Zu den restlichen 54 Maßnahmen werden keine Minderungspotenziale angegeben. Wenn man die angegebenen Zahlen trotz ihrer schlechten Nachvollziehbarkeit für bare Münze nimmt, sie alle addiert (obwohl die Potenziale sich teilweise erklärtermaßen teilweise überlappen) und dabei auch noch optimistisch annimmt, dass die Vorweg-Verringerung des Gesamtenergieverbrauchs um 20 %, die letztes Jahr aufgrund der Energiekrise angenommen wurde, als dauerhaft eingepreist werden kann, kommt man in der Summe auf eine Reduzierung der Emissionen um knapp 2,3 Millionen Tonnen. Bis „netto null“ würden dann noch über 800.000 Tonnen fehlen. D.h. einen wirklichen Pfad zur Klimaneutralität zeigen diese Maßnahmen nicht auf.

Emissionen 2018 und Emissionsminderung durch KSAP-Maßnahmen

Rechnung zur Zielerreichung basiert auf anderem Szenario

Um trotzdem eine Aussage über die Erreichbarkeit des Ziels machen zu können, werden im letzten Kapitel des KSAP zwei mögliche Pfade zur Klimaneutralität untersucht, die allerdings nicht auf den davor beschriebenen Maßnahmen beruhen, sondern auf einem anderen Szenario, das das Wuppertal-Institut davor in der bereits erwähnten Energierahmenstudie (ERS) für die MVV entwickelt hatte. Grund dafür ist wohl, dass für dieses Szenario im Gegensatz zum KSAP schon ein Rechenmodell für Energieverbrauch und Emissionsfaktoren vorlag. Die Energierahmenstudie ist stark auf Strom- und Wärme fokussiert, geht von anderen Ist-Emissionszahlen aus[ii] und ist in ihrer bisherigen Fassung auf eine Klimaneutralität erst im Jahr 2050 ausgerichtet. Um da schon 2030 hinzukommen, müsste die in der ERS beschriebene Transformation stark beschleunigt werden. Ob das möglich ist, wird nicht im Einzelnen untersucht. Es werden nur Voraussetzungen dafür formuliert, z. B. dass in diesem Fall der von außerhalb Mannheims kommende Netzstrom und das Gas schon 2030 klimaneutral sein müssten, dass 4 bis 6 Prozent der Häuser pro Jahr energetisch saniert werden müssten, und dass Heizungen und Autos schneller ausgetauscht werden müssten, als es bei deren technischer Lebensdauer üblich ist. Hier entsteht noch mehr als in der Beschreibung der KSAP-Maßnahmen der Eindruck, für die Erreichung der Ziele würde es hauptsächlich auf externe und andere nur eingeschränkt beeinflussbare Faktoren ankommen.

Zuletzt wird ein Abgleich gemacht zwischen den auf Mannheim entfallenden Restbudgets an CO2-Emissionen für die Einhaltung der 1,5 und der 1,75 Grad Grenze, und den kumulierten Emissionen, die bis 2030 in Mannheim entstehen würden, wenn man bis dahin mit dem ambitionierteren der beiden aus der ERS abgeleiteten Pfade, der deutlich über die KSAP-Maßnahmen hinaus geht[iii], eine Reduzierung der Emissionen um 93 % erreicht[iv]. Dabei kommt heraus, dass das Budget für die Begrenzung auf 1,75 Grad in diesem Fall einhaltbar wäre, das für 1,5 Grad allerdings nicht.

D.h. scheinbar gilt jetzt sogar das von der Klimabewegung geforderte weitergehende Ziel, nämlich die Einhaltung des Mannheimer 1,5-Grad-Budgets als Maßstab. Dafür wird aber die Erreichung der Klimaneutralität bis 2030 schon vorab als gegeben vorausgesetzt. Am Ende hat man also einen Maßnahmenkatalog ohne wirkliche Wirkungsabschätzung und dafür eine Wirkungsabschätzung für ein anderes, ursprünglich längerfristig geplantes Szenario, dessen Umsetzbarkeit bis 2030 an einige eher unwahrscheinliche Annahmen gebunden ist. Und man tröstet sich damit, dass man, falls diese unwahrscheinlichen Bedingungen trotzdem alle erfüllt werden sollten, sogar in die Nähe der Einhaltung des Emissionsbudgets kommen könnte. Das heißt nicht, dass es völlig ausgeschlossen ist, mit den KSAP-Maßnahmen das Klimaneutralitätsziel oder sogar das Budgetziel zu erreichen. Es wäre dann aber mehr Zufall als Planung. Ein wirklicher Transformationsplan sieht anders aus.

Der Gemeinderat hält sich Hintertüren offen

Der Gemeinderat hat sich zudem beim Beschluss über den Klimaschutzaktionsplan vorbehalten, über die einzelnen Maßnahmen und deren Finanzierung jeweils nochmals getrennt abzustimmen. Dass dabei alle Maßnahmen auch einzeln eine Mehrheit bekommen, dürfte schon bei der derzeitigen Zusammensetzung des Gemeinderats nicht gesichert sein, z. B. bei den traditionell kontroversen Themen im Verkehrsbereich. Durch die Neuwahl 2024 könnten sich die Voraussetzungen dafür weiter verschlechtern.

Mannheim kohlefrei fordert tatsächliche Transformationsplanung und Umsetzungscontrolling mit Bürgerbeteiligung

Mannheim kohlefrei unterstützt das Ziel, Mannheim bis 2030 klimaneutral zu machen und erwartet von allen Beteiligten, dass an diesem Ziel festgehalten wird, auch wenn die Realisierung schwieriger wird, als es im KSAP auf den ersten Blick erscheint. Wir fordern weiterhin auch die Einhaltung des auf Mannheim entfallenen CO2-Restbudgets. Für die Klimagerechtigkeit ist die Menge an CO2, die bis zum Zeitpunkt der Klimaneutralität noch emittiert wird, relevanter als der Termin der Klimaneutralität.

Trotz der bestehenden Kritikpunkte setzen wir uns für die Umsetzung des KSAP ein. Das allein reicht aber nicht. Der KSAP muss durch eine tatsächliche Transformationsplanung untersetzt werden. Dazu gehört eine Konkretisierung der Maßnahmen, die Entwicklung eines Rechenmodells, das die bislang fehlende Abschätzung der Emissionsminderungspotenziale ermöglicht, bei Bedarf Ergänzungen des KSAP durch zusätzliche Maßnahmen, eine genauere Abschätzung des Finanzbedarfs, Einigungen mit Landes-, Bundes- und EU-Ebene über Fördermittel und rechtliche Voraussetzungen, eine verbindliche Einbindung der MVV und der größeren Betriebe, ein transparentes Umsetzungscontrolling und eine begleitende Bürgerbeteiligung.


[i] Zumindest teilweise wurden sie offenbar per Dreisatzrechnung aus Zahlen abgeleitet, die in einem Papier des Umweltbundesamts als bundesweite Reduzierungspotenziale genannt werden, die im Einflussbereich der Kommunen liegen

[ii] Die Berechnungsmethoden für die Emissionen des örtlichen Stromverbrauchs und der durch Kraft-Wärme-Kopplung gewonnenen Wärme unterscheiden sich von denen, die für die IFEU-Emissionsbilanz von 2018 verwendet werden. Außerdem gibt es Abweichungen z. B. beim Erdgasverbrauch der Industrie (laut IFEU-Zahlen von 2018 immerhin 1,5 TWh mit Emissionen von 380.000 Tonnen CO2), der in den ERS-Zahlen gar nicht enthalten ist, und bei den Emissionen des Verkehrs, die von IFEU mit 700.000 und in der ERS nur mit 500.000 Tonnen angegeben werden.

[iii] Bei diesem ambitionierteren Pfad wird u.a. angenommen, dass das Müllheizkraftwerk bis 2030 durch eine (aus ökologischen Gründen umstrittene) CO2-Abscheidung „klimapositiv“ wird und dass der Anteil batterieelektrischer Autos im Straßenverkehr bis dahin 50 % beträgt.

[iv] 93 % sind keine 100 %, d.h. es gäbe dann voraussichtlich auch in den Folgejahren noch Emissionen, die man in den Budgetabgleich einrechnen müsste

Unterschriftensammeln (2021)

„Mannheim kohlefrei“ startet Unterschriftensammeln. Wir verlangen: der Gemeinderat möge beschließen, dass unverzüglich die Erstellung eines Klimakonzepts in Auftrag gegeben werden soll – erfahren Sie warum:

Infos zu den Sammelstellen unter: https://websitekohlefrei-5sar9jpo82.live-website.com/antrag/

„Wenn die Politik nicht handelt, machen wir den notwendigen Klimaschutz und den Ausstieg aus der fossilen Wärme eben selbst“, so Pia Vogel von Mannheim kohlfrei. Mannheim kohlefrei hat sich das Ziel gesetzt, das Steinkohlekraftwerk bis spätestens 2030 überflüssig zu machen und wird unter anderem von Fridays For Future Mannheim, Extinction Rebellion Mannheim und der Interventionistische Linke Rhein-Neckar unterstützt.

„Um das GKM bis spätestens 2030 abzuschalten, die Fernwärme zu dekarbonisieren und die 1.5 Grad Grenze des Pariser Klimaschutzvertrags einzuhalten, muss die Stadt und die MVV jetzt aktiv werden“, beschreibt Günther Frey die Dringlichkeit der Situation. „Genau deswegen sammeln wir bis Ende September 2.500 Unterschriften von Mannheimer*innen, um einen Antrag im Gemeinderat stellen zu können“. Der Gemeinderatsantrag sieht die Erstellung eines Konzeptes, wie die Fernwärme bis spätestens 2030 erneuerbar in Mannheim organsiert werden kann,  durch ein unabhängiges Klimainstitut vor. Dieses Konzept soll dann von der Stadt und der MVV so schnell wie möglich umgesetzt werden. 

Leon Brülke berichtet von viel positiver Zustimmung für diesen Antrag: „In zwei Wochen haben wir schon mehr als 500 Unterstützungsunterschriften gesammelt. Die Menschen erwarten, dass die Politik die Klimakrise ernst nimmt und handelt“.
Ausgefüllte Unterstützungslisten können bei dezentralen Sammelstellen, die in den zentrumsnahen Vierteln zu finden sind, abgeholt und abgegeben werden. Auch wird eine Rad-Demonstration von der MVV zum GKM am 12. September geplant. 

„Wenn im Oktober dann der Antrag im Gemeinderat behandelt wird, können die Politker*innen zeigen, auf welcher Seite sie stehen: Auf der Seite der Kohlekonzerne und der fossilen Wirtschaft oder auf der Seite der Menschen und Wissenschaft, die auf notwendige Entscheidungen und Maßnahmen drängen, um die Klimakrise aufzuhalten“, macht Leon Brülke deutlich und gibt noch einen Blick in die Zukunft: „Falls sich die Mehrheit aus SPD, Grünen und LIPARTIE gegen den Antrag aussprechen, gibt es auch noch die Möglichkeit eines Bürgerentscheids. Aber natürlich hoffen wir, dass die Parteien die Klimakrise ernstnehmen und sich verantwortungsbewusst entscheiden.“ 

Im Folgenden der Antragstext:          

Der Gemeinderat möge beschließen, dass unverzüglich die Erstellung eines Klimakonzepts in Auftrag gegeben werden soll, das geeignete Maßnahmen und einen Umsetzungsplan beinhaltet, um bis zum Jahr 2030 die Umstellung der Fernwärmeversorgung Mannheims auf der Basis erneuerbarer Energien zu erreichen. Dieses Klimakonzept ist anschließend dem Gemeinderat zur Beschlussfassung vorzulegen.   


Begründung: Mannheim soll seinen Beitrag zum Klimaschutz entsprechend der internationalen Verpflichtungen im Rahmen des Pariser Vertrags leisten.Grundlegend ist dabei, die Verbrennung von Kohle im Großkraftwerk Mannheim so rasch wie möglich zu beenden. Geeignete Maßnahmen wie die Erzeugung vonFernwärme aus erneuerbaren Energie-Anlagen sowie forcierter Wärmeschutz an Gebäuden sind dabei zentral. Ein entsprechendes Klimakonzept sollte von einem unabhängigen Institut unter Beteiligung eines dazu eingesetzten Klima-Bürgerrats ausgearbeitet werden, um eine einseitige Beeinflussung durchWirtschaftsinteressen zu vermeiden. Der Umsetzungsplan kann auch Maßnahmen enthalten, wie bei einem eventuellen Verfehlen der im Umsetzungsplan jährlichfest zu schreibenden Teilziele zu verfahren ist, um das gesetzte Endziel im Jahr 2030 doch noch zu erreichen.“ 



Weitere Informationen zu unseren Forderungen und zu den Alternativen finden Sie unter www.mannheim-kohlefrei.de.

Wir bitten alle Medien im Rhein-Neckar-Raum um Veröffentlichung der folgenden Pressemitteilung. Für Nachfragen, Interviews, Einladungen in Redaktionen und/oder lokale Fernsehsender wenden Sie sich bitte an unsere drei Sprecher*innen:       

Leon Brülke, Tel. 017647674127       
Pia Vogel, Tel. 015789666550       
Günther Frey, Tel 0621-43727911                       


Mit freundlichen Grüßen       
i.A. für die Gruppe Mannheim kohlefrei Karlheinz Paskuda

Positionspapier zu „Wege zur Klimaneutralität“

Energierahmenstudie der Stadt Mannheim
Analyse im Auftrag der MVV Energie AG durch das Wuppertal Institut

Einleitung

Am 1.3.2021 wurde durch die MVV Energie AG die Studie „Wege zur Klimaneutralität“ veröffentlicht. Die Stadt Mannheim möchte diese Studie als Energierahmenstudie für weitere Beschlussfassungen und die Erarbeitung eines Klimaschutz-Aktionsplans zu Grunde legen.

Wir stellen dazu fest, dass es desbezüglich bislang keine Beschlusslage im Mannheimer Gemeinderat gibt.

Wir sehen eine Reihe von gravierenden Defiziten, die sich vermutlich durch die Aufgabenstellung und Ausrichtung des Studiendesigns erklären lassen.
Die Notwendigkeit einer eigenen Studie, beauftragt durch die Stadt Mannheim, unabhängig von wirtschaftlichen Interessen und Zwängen, wird offensichtlich.

Die der Öffentlichkeit zugängliche Studie[1] macht eine detaillierte Diskussion und Überprüfung schwer möglich. So fehlen beispielsweise wichtige ökonomische Daten, ganz abgesehen von ausführlichen Unterlagen zu den Berechnungen, so dass wir uns in unserer Kritik auf die veröffentlichte Version beschränken müssen.

Kritik in Kurzform

1. Klimaziele
Die Erreichung einer Klimaneutralität (95% Reduktion der CO2-Emissionen)  der Stadt Mannheim wird laut Studie erst im Jahr 2050 erreicht werden.
„Die Erderwärmung soll nach Art. 2 des Pariser Klimaabkommens im Vergleich zum vorindustriellen Niveau auf deutlich unter 2 °C begrenzt werden und es sollen Anstrengungen unternommen werden, diese möglichst auf 1,5 °C zu limitieren.[2]
Die Dringlichkeit einer Einhaltung der 1,5°C-Grenze wird insbesondere durch einen Sonderbericht des IPCC von 2018 unterstrichen[3].
Nach Berechnungen des BUND (siehe Anhang) für Baden-Württemberg müsste bis 2030 eine Reduktion der CO2-Emissionen um 90% gegenüber 2019 erreicht werden, um diese Grenze einzuhalten.
In der vorgelegten Studie des Wuppertal-Instituts wird von einer CO2-Emissionsminderung gegenüber 2018 von lediglich 30% bis 2030 ausgegangen! Damit liegt der gewählte Emissionspfad niedriger als das Reduktionsziel von -42% bis 2030 der Landesregierung von Baden-Württemberg.
Dies liegt vor allen Dingen daran, dass die Steinkohleblöcke des GKM erst spät abgeschaltet werden sollen: Block 7 Anfang 2020 (Reserve), Block 6 Anfang 2026, Block 8 Anfang 2028, Block 9 Anfang 2033. Außerdem werden die Potenziale für die Fernwärmeerzeugung nicht ambitioniert genug bis 2030 ausgeschöpft (siehe Kapitel Fernwärme) und die Restmüllverbrennung wird ungemindert fortgeführt.

Das für Mannheim verbleibende Restbudget an CO2-Emissionen zur Einhaltung der 1,5°C-Grenze (50% Wahrscheinlichkeit) beträgt Stand 1.1.2020 noch ca. 16,2 Mio. t. Aus Vereinfachungsgründen und zur konkreten Veranschaulichung rechnen wir das Deutschland verbleibende Restbudget auf Köpfe um und multiplizieren es mit der Einwohner*innenzahl von Mannheim (pro Kopf 51 t CO2).

2. Fernwärme im KliMa-Szenario des Wuppertal-Instituts

Die Fernwärmeerzeugungbasierte im Jahr 2018 ausschließlich auf der Wärmeauskopplung (KWK) im Grosskraftwerk Mannheim (GKM).
Veröffentlicht wurden folgende CO2-Emissionen für den Mannheimer Fernwärmeverbrauch:
2018 waren dies 580.000 t CO2/a und 2030 werden im Szenario 320.000 t CO2/a angegeben.
Die CO2-Emissionen werden demnach von 2018 bis 2030 um 260.000 t/a gesenkt, das sind ca. 45%.
Die Fernwärmeerzeugung erfolgt 2030 immer noch weitgehend im GKM. An zweiter Stelle rangiert die thermische Abfallbehandlung (TAB), gefolgt von einem Altholz-Heizkraftwerk. Flusswärme und Tiefengeothermie werden nur geringfügig eingesetzt (genaue Daten nicht veröffentlicht).

3. Fernwärme im Klimaschutzszenario von Heidelberg und Mannheim kohlefrei

Im Unterschied zum KliMa-Szenario wurden in dieser Studie alle Wärmeerzeuger des gesamten Fernwärmenetzes in der Region betrachtet.
Im Klimaschutzszenario wird die Fernwärme zu 85,65% aus regenerativen Energien erzeugt!
Tiefengeothermie und Flusswärme dominieren die Wärmeerzeugung mit 55,3%. Die Wärmeerzeugung aus Bioenergie beträgt 23,15% und aus Altholz 6,80%.

Gegenüber heute werden in der Fernwärmeversorgung der Region dadurch 449.000 t CO2 eingespart. Das sind 75% gegenüber 2020! In der Betrachtung mit der gesamten Stromerzeugung des GKM werden sogar 2,29 Mio. t CO2 gegenüber heute eingespart (siehe Folien im Anhang).

Zur Verdeutlichung der Notwendigkeit von sehr ambitionierten Klimaschutzanstrengungen soll hier noch aufgezeigt werden, dass bei keinerlei getroffenen Klimaschutzmaßnahmen nach exergetischer Betrachtung bis 2030 noch insgesamt  ca. 4,8 Mio. t CO2 im GKM emittiert würden. Dies sind fast 1/3 des verbleibenden CO2-Restbudgets in Mannheim allein für die Fernwärme.

Betrachtet man Fernwärme und Strom im Gesamten, überschreiten die GKM-Emissionen mit ca. 21,6 Mio. t CO2 das Restbudget Mannheims von 16 Mio. t CO2 sehr deutlich.

In beiden Studien ist 2030 aber noch nicht das Ende der CO2-Emissionen zur Fernwärmebereitstellung erreicht.

Fazit

Aus oben genannten Gründen und in mehreren Aspekten ist die Energierahmenstudie vollkommen unzureichend und nicht praktisch für einen ernsthaften Klimaschutzaktionsplan der Stadt Mannheim verwertbar. Wie eingangs erwähnt, ist der Stadt dringend empfohlen, unter Einbezug eines Bürger*innenrats eine eigene zielgerichtete und von wirtschaftlichen Interessen unabhängige Studie in Auftrag zu geben, welche der Öffentlichkeit vollständig zur Verfügung gestellt wird, um Transparenz zu gewährleisten.
 

Anhang

Präsentationsfolien aus dem Online-Vortrag am 4.3.2021 von Dr. Ing. Amany von Oehsen


[1] https://www.mvv.de/fileadmin/user_upload/Ueber_uns/de/Energierahmenstudie.pdf

[2] https://www.umweltrat.de/SharedDocs/Downloads/DE/01_Umweltgutachten/2016_2020/2020_Umweltgutachten_Kap_02_Pariser_Klimaziele.pdf?__blob=publicationFile&v=22

[3] https://www.ipcc.ch/sr15/

Zuschauerfragen zum Online Vortrag #1 : Geothermie – 100% Erneuerbare Fernwärme bis 2030

Dr. Bär ist promovierter Geothermiker im Fachgebiet angewandte Geothermie an der Technischen Universität Darmstadt. Er arbeitet seit 10 Jahren im Bereich der Erforschung der Tiefengeothermischen Potenziale, primär auf deutscher Ebene – dem Oberrheingraben – aber inzwischen seit über 7 Jahren auch auf europäischer Ebene.

Im unseren ersten Online Vortrag (Januar 2021) erzählte uns Dr.Bär wie Fernwärme auch eine gute Option für Mannheim sein könnte. Nach dem Vortrag blieben Fragen offen die wir hier nun veröffentlichen.

Haben Sie den Vortrag verpasst und wollen mehr über Geothermie, eine Alternative für Mannheim, erfahren? Wir haben es aufgenommen und Sie können es sich anschauen:


In Landau kam es ja zu nachgewiesenen Mikrobeben in Zusammenhang mit dem Testkraftwerk, hier ist der Untergrund ja ähnlich wie in Mannheim. Wie ist hier Ihre Einschätzung?

Kristian Bär: Die tiefengeothermische Dublette in Landau erschließt Störungszonen im kristallinen Grundgebirge. Es kommen im Bereich der offenen Bohrlochstrecken aber auch Gesteine des Buntsandsteins und Rotliegend. Zudem war in Landau war der zur Reinjektion benötigte Druck vergleichsweise hoch. In Mannheim ist bisher nach meinem Kenntnisstand nur die Nutzung des Buntsandsteins als Reservoirhorizont geplant und nicht die des kristallinen Grundgebirges. Anhand der Bohrung Brühl wissen wir, dass der Buntsandstein sehr hohe Permeabilitäten aufweisen kann. In diesem Fall sind keine hohen Injektionsdrücke zur Wiedereinleitung der abgekühlten Thermalsole nötig. Die Spannungsverhältnisse in den erschlossenen Störungszonen des Buntsandsteins werden daher voraussichtlich weniger stark beeinflusst, was das Risiko für induzierte seismische Ereignisse signifikant reduziert.

Es hieß, alle Beben fanden bisher nur im kristallinen Grundgebirge unter dem Bundsandstein statt. Können Sie dies noch erläutern?

Kristian Bär: Alle mir bekannten Beben, die im Zusammenhang mit geothermischen Projekten im Oberrheingraben gesehen werden, traten in Tiefenlagen auf, in denen das kristalline Grundgebirge (also granitische Gesteine o.ä.) vorkommen. Die Art der überlagernden Gestein ist hierbei irrelevant wenn diese nicht durch die Bohrungen miterschlossen sind. Im Buntsandstein ist wie bereits beschrieben mit deutlich höherer Permeabilität und Porosität des Gesteins zu rechnen. Dadurch können Injektionsdrücke durch Fluidtransport ins Reservoir deutlich schneller abgebaut werden als im kristallinen Grundgebirge, wo die Permeabilität und Porosität annähernd ausschließlich an Klüfte und Störungszonen gebunden ist.

Auf Island war/(ist?) Geoothermienutzung heftig umstritten. Kennen Sie die Beweggründe für die Kritik?

Kristian Bär: Nein, hierzu ist mir nichts genaueres bekannt.

Richtig geplante und realisierte Projekte sind bei verantwortungsvoller Betriebsweise sehr sicher. Das war bei Kernenergienutzung auch versprochen.

Kristian Bär: Bei der Kernenergie entstehen hochradioaktive Abfälle, die für Millionen von Jahren die Umwelt belasten. Bei der Tiefengeothermie kam es bisher nur sehr vereinzelt zu spürbaren Beben, die allein aufgrund ihrer Magnitude nur minimal Schäden auslösen können. Ich sehe die Vergleichbarkeit der Risiken beider Technologien als nicht gegeben an.

Angenommen es wird entnommene Wärme in Sommerzeiten NICHT wieder zurückgebracht: was geschieht über längeren Zeitpunkt mit der Bodentemperatur?

Kristian Bär: Über natürlichen Wärmetransport (Wärmeleitung im Gestein und Wärmetransport über Fluide) wird sich die eingespeicherte Wärme über einen Zeitraum von mehreren Jahren im Untergrund ausbreiten und sich dabei der natürlichen Untergrundtemperatur angleichen, bis wieder ein thermisches Gleichgewicht erreicht ist. Bei Tiefenlage der Speicherhorizonte von mehreren hundert Metern bis zu 1-2 km ist hier auch langfristig keine Beeinflussung der Temperatur an der Erdoberfläche zu erwarten.

Wie sieht es mit den weißen Flecken auf der Karte für Deutschland aus? Liegen da keine Daten vor, oder ist da mit keinem Potential zu rechnen? Mich interessiert besonders der Kölner Raum.

Kristian Bär: Für viele Bereich Deutschland liegen nach wie vor noch keine ausreichenden Daten über die Beschaffenheit der Untergrunds in geothermisch relevanter Tiefe vor. In anderen Bereichen kommen tatsächlich keine Gesteinsformationen vor in denen eine hydrothermale Stromerzeugung möglich ist, d.h. es gibt keine Gesteinsformationen mit ausreichend hoher Porosität und Permeabilität bei gleichzeitig ausreichend hoher Temperatur. Genauere Informationen finden Sie im Geothermischen Informationssystem (geotIS) von Deutschland. Für den Kölner Raum gibt es auch genauere Informationen des Geologischen Dienstes von Nordrhein-Westfalen.

In wieweit ist Geothermienutzung erneuerbar (falls keine Speicherbetrieb erfolgt)? Bzw. woher kommt die Wärme?

Kristian Bär: Die Wärme kommt zu einem gewissen Anteil aus der natürlichen radiogenen Wärmeproduktion der Gesteine der Erdkruste, die kontinuierlich abläuft und Wärme nachliefert. Ein weiterer Teil kommt durch Wärmeleitung aus dem Erdinnern, ist also quasi die gespeicherte Wärmeenergie aus der Zeit der Erdentstehung. Ob die Geothermienutzung erneuerbar ist, hängt daher stark von den lokalen Wärmequellen und der Wärmeleitung statt sowie der Intensität der Nutzung ab. Hierzu werden regionalskalige geothermische Modelle entwickelt, die diese Prozesse berücksichtigen und somit eine Nutzungsdauer prognostizierbar machen.

Wie ist es möglich, die Wirkung menschgemachter Temperaturgefälle in vergleichsweise kurzen Zeiträumen vorherzusagen?

Kristian Bär: Durch numerische Modellierung des Wärmetransports im Untergrund. Hierbei werden alle physikalischen Prozesse des Wärmetransports simuliert und dabei natürliche Wärmequellen und die Wärmeleitung aus dem tiefen Untergrund genauso berücksichtigt, wie der Betrieb eines geothermischen Kraftwerks.

Wir bedanken uns ganz herzlich für die vielen interessanten Fragen. Auch ein großes Dankeschön an Dr.Bär!


Machen Sie Mannheim beim Klimaschutz zum Vorbild!

Quellen zu: erneuerbare Fernwärme in Mannheim bis 2030 ist möglich!

Mannheim kohlefrei sammelt seit Juli 2020 Unterschriften für einen Einwohner*innen-Antrag nach § 20 Gemeindeordnung mit dem Ziel der Erstellung eines unabhängigen Klimakonzeptes durch die Stadtverwaltung für die Umstellung der Mannheimer Fernwärme von heute Steinkohle und Müll auf erneuerbare Energieträger (www.mannheim-kohlefrei.de).

Wir – Heidelberg und Mannheim kohlefrei – haben in den letzten Monaten die Potenziale an erneuerbaren Energien (EE) abgeschätzt, die für eine Umstellung der Fernwärmeerzeugung aus dem Großkraftwerk Mannheim (2019 erzeugte das GKM 2,3 TWh Fernwärme) auf erneuerbare Wärme in Frage kommen könnten. Hiermit kann nicht nur die Fernwärmeversorgung in Mannheim weitgehend dekarbonisiert werden, sondern auch die der Städte, welche mit Wärme aus dem Großkraftwerk Mannheim beliefert werden, wie Heidelberg, Brühl und Speyer.

Bevor wir die detaillierten Ergebnisse in einer Studie der breiten Öffentlichkeit vorstellen werden, wollen wir in dieser Kurzform bereits heute einen Ausblick auf zukünftige Möglichkeiten präsentieren.

Diese Studie soll kein Ersatz für eine vertiefende beauftragte Studie der Stadt Mannheim sein, sondern dazu dienen, den Diskussionsprozess in Gang zu bringen und zu verdeutlichen, dass die Umstellung auf erneuerbare Wärme möglich und realistisch ist.

Woher die erneuerbare Fernwärme im Jahr 2030 kommen könnte

Die heutige Fernwärme stammt zu 70% aus der Wärmeproduktion im Grosskraftwerk Mannheim (GKM) und seit 2020 zu 30% aus dem Müll-Heizkraftwerk auf der Friesenheimer-Insel [1].

Spätestens im Jahr 2030 soll die Fernwärme aus einem Anlagen-Mix kommen, der wie folgt aussehen könnte (nach vorläufigen Berechnungen):

Die Spitzenlast soll weitgehend ebenfalls durch Bioenergie bzw. EE-Wärme gedeckt werden
Die Spitzenlast soll weitgehend ebenfalls durch Bioenergie bzw. EE-Wärme gedeckt werden


Erläuterungen und Potenziale

a. Geothermie

Das Potenzial an tiefer Geothermie im Oberrheingraben ist sehr groß und einzigartig in Deutschland. Allein im Stadtgebiet Mannheim könnte nach Untersuchungen der TU Darmstadt theoretisch viermal so viel Wärmeenergie gewonnen werden wie in Mannheim an Fernwärme verbraucht wird [2].

Bis 2030 können nach der Einschätzung von Expert*innen bei entsprechendem politischem Willen drei Geothermiekraftwerke mit jeweils 30 MW Wärmeleistung gebaut werden, die in der Heizperiode Wärme ins Fernwärme-Netz einspeisen und im Sommer Strom produzieren.

MVV und EnBW haben die Erlaubnis für die Aufsuchung von geeigneten Geothermie-Standorten im Gebiet Hardt bekommen (Süden Mannheims bis Heidelberg). Im Norden Mannheims ist Vulcan Energie [3] aktiv.

Letztere Firma möchte Geothermiekraftwerke betreiben, die zusätzlich Lithiumcarbonat aus dem Tiefenwasser gewinnen, das als Rohstoff für die Lithiumproduktion dient (Lithium für Batterien).

b. Wärme aus Oberflächengewässer

Dem Meer, Seen oder Flüssen kann mittels industrieller Hochtemperaturwärmepumpen Wärme auf niedrigem Temperaturniveau entnommen und auf hohe Temperaturen gebracht werden.

In skandinavischen Ländern, wie z.B. in Schweden (Stockholm), sind Hochtemperaturwärmepumpen schon längere Zeit in Anwendung und Teil der Fernwärmeversorgung.

Was in Österreich (Wien, Donau-Wärmepumpe) 2019 und in Lauterecken [4] (NRW) realisiert wurde, wird nun auch für das Fernwärmenetz in Mannheim geplant: Wärmenutzung aus Flüssen.

Das ermittelte Potenzial im Rhein ist enorm groß: Bei Entnahme von lediglich 15% des Niedrigwasserdurchflusses des Rheins können 720 MW Wärmeleistung gewonnen werden. Das sind 65% der installierten Fernwärmeleistung heute! Praktisch wirtschaftlich nutzbar ist eine geringere Leistung. Wir gehen von 150 MW an geeigneten Stellen aus, wie z.B. GKM und Friesenheimer Insel.

c. Altholzkraftwerk

Auf der Friesenheimer Insel befindet sich ein Altholzkraftwerk, das seit 2005 in Betrieb ist. Es produziert aus dem Altholz im Augenblick nur Strom. Der Strom wird im Rahmen des EEG vergütet.

Die MVV Umwelt GmbH plant, das Kraftwerk bis 2024 in ein Heizkraftwerk umzurüsten und die Wärme in das Fernwärmenetz Mannheim einzuspeisen. Wir gehen für die Umrüstung von einer großzügigen Dimensionierung der Wärmeleistung aus, sodass das Kraftwerk ungefähr 60 MW Wärmeleistung erbringen kann.

d. Bioenergie aus dem Müll-HKW

Im Müll-Heizkraftwerk auf der Friesenheimer Insel wird Restmüll aus dem Hausmüll und Gewerbemüll durch Verbrennung thermisch verwertet. Das Müll-Kraftwerk wurde 2019 auch auf Wärmeproduktion umgestellt und speist seither Wärme mit einer Fernwärmeleistung von maximal 95 MW in das Fernwärmenetz. Die Bestandteile des Restmülls sind zum Teil (ca. 50%) fossilen Ursprungs. Das sind zum großen Teil Verpackungsmaterialien aus Kunststoff, die aus Erdgas oder Erdöl hergestellt wurden.

Demnach kann nur ein Teil als Bioenergie angerechnet werden, der nicht fossilen Ursprungs ist. Der Anteil von Biomüll im Restmüll soll durch eine besser getrennte Sammlung zukünftig sinken. Teile des Biomülls können vergärt werden, aus diesen kann dann zusätzliches Biogas gewonnen werden [5]. Auch muss das fossile Restmüllaufkommen sinken, denn Plastikverpackungen sollten so oft wie möglich recycled werden, bevor sie verbrannt werden. Wesentlich wird die Vermeidung von problematischen Verpackungen sein, wie z.B. Tetrapack oder ähnliches. Wir gehen von einer Verminderung der Müllverbrennung um 40% bis 2030 aus.

e. Reduktion des Wärmebedarfes

Eine Reduktion des Wärmebedarfes der mit Fernwärme beheizten Gebäude ist eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der Transformation. Bislang liegt bundesweit wie auch in Mannheim die Rate der energetischen Sanierung bzw. Modernisierung bei 1% pro Jahr. Nach allen Prognosen ist aber eine Rate von 3,5% Bedingung für die Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze aus dem Pariser Vertrag [6].

Um dies zu erreichen, müssen eine Reihe bundes-, landes- und kommunalpolitischer Entscheidungen getroffen werden. Aus einem Maßnahmenbündel von öffentlicher Förderung, Investitionskostenverteilung auf Vermieter*innen wie Mieter*innen und einer Senkung der umlagefähigen Kosten wären die Voraussetzungen für eine sozialverträgliche Lösung einer warmmietenneutralen Sanierung geschaffen. Begleitet werden sollte dies vor allen Dingen auf kommunaler Ebene von mehr und kampagnenförmiger Beratung.

Wir gehen daher von einer Reduktion des Fernwärmeverbrauchs von 22% in Mannheim und den anderen vom GKM belieferten Städten in den nächsten 10 Jahren aus.

f. Weitere Potenziale

Die bisher genannten Potenziale reichen weitestgehend aus, um eine Umstellung auf erneuerbare Fernwärme innerhalb von 10 Jahren in Mannheim zu erreichen.

Darüber hinaus gibt es eine Reihe weiterer potenzieller erneuerbarer Energien, die es zu erschließen gilt:

  • Solarthermische Großanlagen in den Randlagen Mannheims sowie in der gesamten Region
  • Solarthermische Dachanlagen kombiniert mit oberflächennaher Geothermie
  • Oberflächennahe Geothermische Gebäudeheizung und Nahwärmeversorgung
  • Abwasserwärme für Gebäude und Nahwärmenetze
  • Bioabfallvergärung und Nutzung des anfallenden Biogases
  • Ein weiteres interessantes (aber geringes) Potenzial stellt die Produktion von schnellwachsenden Hölzern in der Agroforstwirtschaft dar
  • Industrielle Abwärme

Heidelberg und Mannheim kohlefrei, 22.9.2020


[1] Nach Angaben der MVV Energie AG 2020

[2] Unveröffentlichte Bachelorarbeit der TU Darmstadt 2019 und Interview mit Dr. Bär auf www.mannheim-kohlefrei.de

[3] https://youtu.be/mEb2urm2wTw

[4] http://www.hydrology.uni-freiburg.de/abschluss/Schwinghammer_F_2012_MA.pdf

[5] https://www.heidelberg.de/hd/HD/service/29_07_2020+aus+biomuell+wird+gruene+waerme.html

[6] Climact 2020, DIW 2020


Den Artikel als Download:

Pressemitteilung zur Raddemo (12.09.2020)

Mannheim kohlefrei lehnt Umbau des GKMs zum Gaskraftwerk ab. Fahrraddemonstration am 12. September um 15 Uhr am Schiff vor dem MVV Hochaus zum Steinkohlekraftwerk in Neckarau.


Die Verbrennung fossiler Rohstoffe rückt die Welt immer näher an die Klimakatastrophe heran. In Mannheim beheizt das Steinkohlekraftwerk GKM das Klima weiter: Es verursacht 10 % der baden-württembergischen CO2-Emissionen und ist das dreckigste Steinkohlekraftwerk Deutschlands. Die Steinkohle für das GKM wird unter unzumutbaren Bedingungen in anderen Ländern wie Kolumbien, Russland oder Australien abgebaut und importiert. Nun soll das bisherige Kohlekraftwerk auf Gas umgestellt werden.
„So kann und darf es nicht weitergehen. Gas ist in fast demselben Maße klimaschädlich wie Kohle; es ist eine Lüge, zu sagen, mit Gasverbrennung anstatt von Kohle wäre dem Klima geholfen.“, sagt Pia Vogel von Mannheim kohlefrei.


Für den Bezug von Gas mussten riesige Pipelines für dessen Transport gebaut werden, die eine Menge an Rohstoffen verbrauchten und vor Ort die Umwelt zerstörten. Gleichzeitig emittiert ein Gaskraftwerk auch außerordentlich viel CO2, während es eigentlich – als fossiler Rohstoff in der Erde verbleibend – CO2 auf lange Zeit binden würde. Es gibt einen bunten Blumenstrauß an Alternativen, wie z.B Fernwärme aus Geothermie, Flusswärme, Biomasse, Abwasser- und Industrieabwärme oder Solarthermie, mit welchen die Strom- und Fernwärmeversorgung in den nächsten Jahren über erneuerbare Energie und Wärme gesichert werden kann.


„Und die Politik? Schaut schweigend zu. Das können wir so nicht hinnehmen! Wir müssen uns für eine klimagerechte Zukunft einsetzen, in der die 1,5°C–Grenze eingehalten wird. Wir brauchen Klimagerechtigkeit und erneuerbare Fernwärme jetzt!“, fordert Leon Brülke von Mannheim kohlefrei.
In diesem Zuge – um an den Gemeinderat zu appelieren, aber auch um das Anliegen in die Öffentlichkeit zu tragen – veranstaltet Mannheim kohlefrei am Samstag, den 12. September, um 15 Uhr eine Raddemo vom MVV-Hochhaus am Luisenring zum Steinkohlekraftwerk in Neckarau. Zur Einhaltung der Hygiene-Maßnahmen wird darum gebeten, einen Mund-Nasen-Schutz und nach Möglichkeit einen Fahrradhelm zu tragen. Die Form des Demonstrierens an der frischen Luft und auf Fahrrädern gewährleistet ein möglichst geringes Infektionsrisiko.


Mannheim kohlefrei fordert eine umgehende Veränderung des Umgangs mit der Klimakrise. Der Mannheimer Gemeinderat solle die Lieferung von Steinkohle-Fernwärme nach Mannheim stoppen,  die Potenziale für Gebäudedämmung und klimaneutrale Wärmeerzeugung erheben lassen, für den Ausbau von 100% klimaneutraler Wärme bis spätestens 2030 sorgen und Erdgas-Kraftwerke als Übergangstechnologie verhindern. Dabei wird die Initiative von fridays for future Mannheim, Extinction Rebellion Mannheim, der Interventionistischen Linken Rhein-Neckar und dem Klimakollektiv Mannheim unterstützt.

Raddemo zum nachschauen auf youtube


Weitere Informationen zu unseren Forderungen und zu den Alternativen finden Sie unter www.mannheim-kohlefrei.de.

Wir bitten alle Medien im Rhein-Neckar-Raum um Veröffentlichung der folgenden Pressemitteilung. Für Nachfragen, Interviews, Einladungen in Redaktionen und/oder lokale Fernsehsender wenden Sie sich bitte an unsere drei Sprecher*innen:       

Leon Brülke, Tel. 017647674127       
Pia Vogel, Tel. 015789666550       
Günther Frey, Tel 0621-43727911                       


Mit freundlichen Grüßen       
i.A. für die Gruppe Mannheim kohlefrei Karlheinz Paskuda

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